Still leben

(Kein Kommentar)

von Sophie Weigand

Mathilde hörte nichts. Kerzengerade saß sie auf der Kante eines alten Korbstuhls und beobachtete, wie sich ein Wassertropfen am Ende des verchromten Hahns sammelte und mit rasender Geschwindigkeit dem Becken entgegen strebte. Vermutlich verschwand er im Ausguss, schweigend und ohne viel Aufhebens. Hin und wieder huschte Mathildes Blick auch zur alten Standuhr aus Eichenholz, die, wie sie wusste, zu jeder vollen Stunde schlug. Die Zeiger wanderten über das Ziffernblatt, gemächlich und beständig. Still. Der Korbstuhl war schon alt, so ähnlich wie Mathilde, und sie registrierte mit wachsendem Unbehagen wie sich einige lose Enden des Korbgeflechts in ihren Körper bohrten, an ihr kratzten und nagten wie kleine Insekten, die man versehentlich auf einer Sommerwiese aufsammelt.

Draußen regnete es. Mathilde betrachtete, wie die dürren Zweige des Ahorns sich bogen, gepeitscht und getrieben vom Sturm. Sie nahm die Tropfen wahr, die mit voller Wucht gegen ihr Fenster prallten, es war wie ein kleiner Auffahrunfall. Getroffen und verwundet perlten sie hinab in Richtung Mauerwerk und versickerten dort als hätte es sie nie gegeben. Still. Dunkel erinnerte Mathilde sich an das Geräusch, das der Regen verursachte, wenn er seine feuchten Heerscharen gegen Fensterscheiben schmetterte. Ein gleichförmiges Trommeln, mal leiser und mal lauter. Langsam stand sie auf. Sie wusste noch, dass der Stuhl früher immer beleidigt geknarrt und geächzt hatte, wenn man sich von ihm erhob. Jetzt war er still. Schon seit einigen Jahren. Es war als verweigerte die Umwelt sich Mathilde ab sofort, als hielte sie es für vollkommen unnötig sich mit ihr in Verbindung zu setzen.

Die Welt spricht mit uns. Durch ein Vogelzwitschern, das Quietschen eines Möbelstücks, das Ticken einer Uhr, das Klirren von Geschirr. Mit Mathilde sprach sie nicht mehr. Manchmal fragte sie sich, woran das liegen mochte. Hatte sie sich etwa der Welt verweigert? Ein paar Mal vielleicht, aus Notwehr, in Situationen, in denen Rückzug die beste Verteidigung war. Niemals hätte sie damit gerechnet, dass die Welt sich auf diese Weise revanchieren würde. Nun schlurfte Mathilde durch ihre Wohnung, durch eine Wand aus Stille, so langsam wie ein Spaziergänger am Strand, dem jeder neue Schritt im Sand noch beschwerlicher scheint als der vorangegangene. Wie ein Taucher, der sich gegen Wassermassen zur Wehr setzend langsam voranstrebt.

Mathilde wusste gar nicht so genau, ob sie eines Tages einfach aufgehört hatte, zu hören oder ob die Welt still geworden war. Mathilde war allein und so hatte sie niemanden, den sie dazu befragen konnte. Wenn sie ihre schützenden vier Wände verließ, schien das Leben für alle anderen weiterzugehen. Sie überquerten in sich versunken regennasse Straßen, sie saßen mit verhärmten und gedankenvollen Gesichtern in Bussen und Bahnen. Aber sie sprachen nicht miteinander. Vielleicht hörten sie alle nichts, aber wagten nicht, einander darauf aufmerksam zu machen. Vielleicht überspielten sie alle die Lautlosigkeit ihres Daseins  gekonnt, voll Scham, dass es ausgerechnet sie getroffen hatte. Sie rebellierten im Stillen.

Manchmal stand Mathilde vor ihrem Badezimmerspiegel und betrachtete ihr Gesicht. Die Falten, die sich in ihre Haut gegraben hatten als versuchten sie darunter etwas Wunderbares zu entdecken. Zeichen der Zeit. Wenn sie schon ihre Uhr nicht hören konnte, so entdeckte sie wenigstens jeden zweiten Tag ein Fältchen mehr, mal um ihre Augen, mal um ihren Mund, unter der Nase, neben der kleinen Einkerbung über ihrer Oberlippe. Ein leichter Flaum bedeckte ihre pergamentartige Haut. Sie versuchte zu lächeln, ihre makellosen Zahnreihen zu entblößen, die ihr Dr. Schnittwinder eingesetzt hatte, als die Welt noch Töne für sie hatte.

Manchmal öffnete sie den Mund und schrie. Sie spürte ihre Stimmbänder vibrieren, spürte, dass da etwas in ihr in Bewegung war. Aber gegen das Diktat der Stille blieb ihre Stimme machtlos. Dünn und hilfebedürftig wie ein ausgesetzter Hundewelpe schlängelte sich das, was einmal ihre Stimme war, an der Tapete entlang, vorbei am Türrahmen und unter der Wohnungstür durch ins Treppenhaus. Dort hallte ihr Schrei wider, dutzendfach. Und wurde von niemandem gehört.


Die Jury des Poesieschacht-Wettbewerbs zum Thema lautlos vergab den mit 100 Euro dotierten 1. Platz an Sophie Weigand mit folgender Begründung:

„Still leben“ überzeugte die Jury durch seine sensible Sprache. Sie verklärt nicht, stattdessen schöpft sie Poesie aus Details und ausgewählten Beobachtungen. In den atmosphärischen Bildern liegen Verschiebungen, die berühren, weil sie eine Wirklichkeit antasten. Ruhig und staunend nähert der Text sich der Differenz zwischen Stille und Lautlosigkeit, zwischen Wahrnehmen und Sein, und stellt dabei Fragen, die echt sind. In der Ruhe liegt eine Unsicherheit, die erschüttert, ohne einen völligen Orientierungsverlust gestatten zu können.

Rauhfaser

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Lena
05.05.2013

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