Still leben 5. Mai 2013

von Sophie Weigand

Mathilde hörte nichts. Kerzengerade saß sie auf der Kante eines alten Korbstuhls und beobachtete, wie sich ein Wassertropfen am Ende des verchromten Hahns sammelte und mit rasender Geschwindigkeit dem Becken entgegen strebte. Vermutlich verschwand er im Ausguss, schweigend und ohne viel Aufhebens. Hin und wieder huschte Mathildes Blick auch zur alten Standuhr aus Eichenholz, die, wie sie wusste, zu jeder vollen Stunde schlug. Die Zeiger wanderten über das Ziffernblatt, gemächlich und beständig. Still. Der Korbstuhl war schon alt, so ähnlich wie Mathilde, und sie registrierte mit wachsendem Unbehagen wie sich einige lose Enden des Korbgeflechts in ihren Körper bohrten, an ihr kratzten und nagten wie kleine Insekten, die man versehentlich auf einer Sommerwiese aufsammelt.

Draußen regnete es. Mathilde betrachtete, wie die dürren Zweige des Ahorns sich bogen, gepeitscht und getrieben vom Sturm. Sie nahm die Tropfen wahr, die mit voller Wucht gegen ihr Fenster prallten, es war wie ein kleiner Auffahrunfall. Getroffen und verwundet perlten sie hinab in Richtung Mauerwerk und versickerten dort als hätte es sie nie gegeben. Still. Dunkel erinnerte Mathilde sich an das Geräusch, das der Regen verursachte, wenn er seine feuchten Heerscharen gegen Fensterscheiben schmetterte. Ein gleichförmiges Trommeln, mal leiser und mal lauter. Langsam stand sie auf. Sie wusste noch, dass der Stuhl früher immer beleidigt geknarrt und geächzt hatte, wenn man sich von ihm erhob. Jetzt war er still. Schon seit einigen Jahren. Es war als verweigerte die Umwelt sich Mathilde ab sofort, als hielte sie es für vollkommen unnötig sich mit ihr in Verbindung zu setzen.

Die Welt spricht mit uns. Durch ein Vogelzwitschern, das Quietschen eines Möbelstücks, das Ticken einer Uhr, das Klirren von Geschirr. Mit Mathilde sprach sie nicht mehr. Manchmal fragte sie sich, woran das liegen mochte. Hatte sie sich etwa der Welt verweigert? Ein paar Mal vielleicht, aus Notwehr, in Situationen, in denen Rückzug die beste Verteidigung war. Niemals hätte sie damit gerechnet, dass die Welt sich auf diese Weise revanchieren würde. Nun schlurfte Mathilde durch ihre Wohnung, durch eine Wand aus Stille, so langsam wie ein Spaziergänger am Strand, dem jeder neue Schritt im Sand noch beschwerlicher scheint als der vorangegangene. Wie ein Taucher, der sich gegen Wassermassen zur Wehr setzend langsam voranstrebt.

Mathilde wusste gar nicht so genau, ob sie eines Tages einfach aufgehört hatte, zu hören oder ob die Welt still geworden war. Mathilde war allein und so hatte sie niemanden, den sie dazu befragen konnte. Wenn sie ihre schützenden vier Wände verließ, schien das Leben für alle anderen weiterzugehen. Sie überquerten in sich versunken regennasse Straßen, sie saßen mit verhärmten und gedankenvollen Gesichtern in Bussen und Bahnen. Aber sie sprachen nicht miteinander. Vielleicht hörten sie alle nichts, aber wagten nicht, einander darauf aufmerksam zu machen. Vielleicht überspielten sie alle die Lautlosigkeit ihres Daseins  gekonnt, voll Scham, dass es ausgerechnet sie getroffen hatte. Sie rebellierten im Stillen.

Manchmal stand Mathilde vor ihrem Badezimmerspiegel und betrachtete ihr Gesicht. Die Falten, die sich in ihre Haut gegraben hatten als versuchten sie darunter etwas Wunderbares zu entdecken. Zeichen der Zeit. Wenn sie schon ihre Uhr nicht hören konnte, so entdeckte sie wenigstens jeden zweiten Tag ein Fältchen mehr, mal um ihre Augen, mal um ihren Mund, unter der Nase, neben der kleinen Einkerbung über ihrer Oberlippe. Ein leichter Flaum bedeckte ihre pergamentartige Haut. Sie versuchte zu lächeln, ihre makellosen Zahnreihen zu entblößen, die ihr Dr. Schnittwinder eingesetzt hatte, als die Welt noch Töne für sie hatte.

Manchmal öffnete sie den Mund und schrie. Sie spürte ihre Stimmbänder vibrieren, spürte, dass da etwas in ihr in Bewegung war. Aber gegen das Diktat der Stille blieb ihre Stimme machtlos. Dünn und hilfebedürftig wie ein ausgesetzter Hundewelpe schlängelte sich das, was einmal ihre Stimme war, an der Tapete entlang, vorbei am Türrahmen und unter der Wohnungstür durch ins Treppenhaus. Dort hallte ihr Schrei wider, dutzendfach. Und wurde von niemandem gehört.


Die Jury des Poesieschacht-Wettbewerbs zum Thema lautlos vergab den mit 100 Euro dotierten 1. Platz an Sophie Weigand mit folgender Begründung:

„Still leben“ überzeugte die Jury durch seine sensible Sprache. Sie verklärt nicht, stattdessen schöpft sie Poesie aus Details und ausgewählten Beobachtungen. In den atmosphärischen Bildern liegen Verschiebungen, die berühren, weil sie eine Wirklichkeit antasten. Ruhig und staunend nähert der Text sich der Differenz zwischen Stille und Lautlosigkeit, zwischen Wahrnehmen und Sein, und stellt dabei Fragen, die echt sind. In der Ruhe liegt eine Unsicherheit, die erschüttert, ohne einen völligen Orientierungsverlust gestatten zu können.

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Eine Kirche 4. Mai 2013

Text von Vessel

Wir leben leise, seit mein Mann verstorben ist, wir stehen oft an seinem Grab und werfen Blumen hin. Wir sprechen wenig, seit mein Mann verstorben ist, wir haben nichts mehr zu sagen, und, wir haben zueinander gefunden, seit mein Mann verstorben ist, die Kinder gehen nicht mehr zur Schule und waschen sich nicht mehr, wir sehen oft fern, aber stellen den Ton aus, wir wollen in Stille leben, seit mein Mann verstorben ist. Heute hat der Große den Jüngsten geschlagen, ich habe nichts gesagt, und der Kleine hat auch nicht geweint, keinen Mucks hat er gemacht, denn wir wollen andächtig sein, seit mein Mann verstorben ist, und unser Haus ist eine Kirche.
 


Die Jury des Poesieschacht-Wettbewerbs “lautlos” vergab den mit 50 Euro dotierten 2. Preis an Vessel mit folgender Begründung:

“Eine Kirche” ist selbst wie eine Kirche, in der noch das Denken zu laut erscheint, in der man doch laut “oh” sagen möchte, und in der man auch nicht leise denken kann. Die zentrale Frage, wie viel Leben man noch ertrüge nach einem schweren Verlust, klingt laut und unerbittlich aus diesen leisen Zeilen. “Eine Kirche” ist ein Text, der wenig erzählt und dennoch alles wesentliche sagt, und damit sowohl inhaltlich als auch sprachlich das Wettbewerbsthema beeindruckend umsetzt.

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Momentaufnahme 3. Mai 2013

von Patricia Machmutoff

Der Himmel bricht über uns zusammen und wir denken, er streichelt unsere Köpfe. Widerwillig erblicken wir die Trümmer und setzen Zerstörung mit Schaffen gleich. Die Himmelskugel versagt ihrem Dienst und wir stülpen eine Plane über die Erde. Regen benetzt die leeren Gesichter, Regen färbt alles in die selben Farben. Das monotone Rauschen wird zur melancholischen Hintergrundmusik unserer Gedanken.
Gewissermaßen sind wir selbst schuld. Dass wir es nicht besser wussten, wusste keiner. Wir stellen uns erneut Fragen, um die letzten Antworten zu verdrängen. So laut wir sie hinaus schreien, noch immer tönt das Echo jener widerwärtiger Silben, denen wir die Existenz absprachen.
Und wenn wir uns taub stellten?

Ich reflektiere bedingungslos alles, was auf mich zukommt. Ich bin nicht gesichtslos, ich bin abstoßend. Ich wiege im Takt der taktisch eingespielten Musik. Bohrende Töne zermartern in ihrer vollkommenen Schönheit mein Bewusstsein und vergraben mich unter ihrer Unendlichkeit. Es vergehen die Fragen und auch die Antworten, man zählt nicht mehr in Tag und Nacht. Schmerzlich ist die eigene Präsenz und noch schmerzlicher die Kenntnis darüber. Ich greife nach den Sternen und verbrenne mich. Mein Atem ist nur eine weitere Bestätigung meiner Existenz und Funktionalität.
Ich ertrage die Lasten des Seins. Ich verschenke Wahrheit und sie stürzen sich darauf. Gierig wird an mir gezerrt, während ich in Trance noch dieser Melodie lausche, die sich wie ein Phantomschmerz über die Stille legt.

Das fleischgewordene Nichts, die akustische Unendlichkeit. Ich falle. Aber nicht wirklich. Denn man hört keine Schreie. Die Stille brennt in unseren Köpfen. Man hört keinen Aufprall, es gab keinen Aufprall.


Die Jury des Poesieschacht-Wettbewerbs zum Thema lautlos vergibt eine zweite unbepreiste Auszeichnung mit folgender Bergründung:

Dieser Text bekommt eine ehrenvolle Auszeichnung, weil er voller Potential steckt, das aber noch nicht richtig ausgearbeitet wurde. Gelbeswunder hat die Jury mit ihrer Sprachgewalt und ihren kunstvoll ausgearbeiteten Sätzen beeindruckt. Sätze wie “Ich greife nach den Sternen und verbrenne mich” bleiben im Gedächtnis, und der Rhythmus des Textes überzeugt. Bei einigen Sätzen haben wir uns aber gefragt, ob die Formulierung nicht konkreter sein könnte, manchmal schien hinter der sprachlichen Eleganz nur eine Leere zu sein. Wir sind aber davon überzeugt, dass diese junge Autorin viel in sich hat. Weiter so!
Joost

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Todesstille 2. Mai 2013

von TrekanBelluvitsh

Es war ein Risiko, dessen war er sich bewusst. Einen halben Tag lang hatte er sie beobachtet und ihre aberwitzige Korrektheit war ihm bereits nach zwei Stunden aufgefallen. Wie aberwitzig in diesen aberwitzigen Zeiten. Darum hatte er beschlossen, sie zu umfahren. Einen ganzen Tag hatte das gedauert. Und nun lagen sie hier und warteten. Die anderen vertrauten ihm, aber was blieb ihnen auch anderes übrig. Nur er hatte aus ihrer kleinen Welt nach draußen geblickt.
Sie vertrauten ihm, ein jeder still auf seinem Platz.
Zumindest das musste nicht befohlen werden.
Wo ihre Gedanken waren, wusste er nicht, wollte es auch gar nicht wissen, denn schon allein die Gerüche – süßer Schweiß, Motorenöl, Diesel, verschimmelte Lebensmittel und Kleidung, frisches Kondens- und abgestandenes Bilgenwasser, Furcht – drohten seinen Verstand zu vernebeln. So atmete er nur flach um all das zumindest ein wenig ignorieren zu können. Mochten sie doch denken, was sie wollten. Hauptsache, sie blieben auf ihren Plätzen und taten, was man ihnen beigebracht hatte.
Stille.
Ab und zu ein Husten, mehr nicht.
Er musste den Drang unterdrücken, ihre Position zu überprüfen, was auch unsinnig gewesen wäre. Da war nichts zu überprüfen. Er hatte längst getan, was es zu tun gab. Ein halbes Dutzend Mal hatte er gerechnet:
Ihre Geschwindigkeit, unsere Geschwindigkeit. Zurückgelegte Strecke, Drift, tatsächlich zurückgelegte Strecke über Grund. Zeit.
Die Zahlen halfen, gaben ihm Sicherheit, doch das änderte nichts daran, dass seine Berechnungen eigentlich nur eine Schätzung waren. Kalter Schweiß stand auf seiner Stirn, doch zum Glück konnten die anderen das nicht sehen, weil er die weiße Mütze tief in die Stirn gezogen hatte.
Immer noch Stille.
Nichts als das Atmen von 43 Männern.
Mussten sie so laut atmen? Verdammt!
Er wagte es nicht, auf die Uhr zu blicken. Wie lange warteten sie schon hier, lagen auf der Lauer nach einer Beute, die vielleicht niemals kam? Sie würden ihn nicht auslachen, so viel Mut hatte selbstverständlich niemand, aber sie wären bitter enttäuscht. Wie konnten sie auch ahnen, dass er sich sehnlichst wünschte, er würde sich irren. Jedoch er war gut, war zu gut, in dem was er tat. Außerdem war er ein Heuchler. Er wollte das alles nicht, tat es aber dennoch, weil er mehr Angst davor hatte…
„Peilung auf 273 Grad!“
Er nickte.
„Frage Uhrzeit?“
„18.02 Uhr.“
Er hatte sich nicht geirrt. Sechs Uhr hatte er gesagt, obwohl auch das mehr eine Schätzung gewesen war. Es war sechs Uhr und sie kamen, liefen direkt auf sie zu. Was für eine aberwitzige Korrektheit. Nur ein Schlag nach Backbord oder Steuerbord mehr und sie wären jetzt ganz weit weg. Aber so? Keine Chance.

Das Dröhnen kam näher, war bald auch schon mit bloßen Ohren zu hören. Da war das Stampfen der Dampfer, das wie immer monoton und schwerfällig klang, dessen Regelmäßigkeit aber Vertrauen einflößte oder das schnelle Surren, verursacht durch Dieselantriebe. Und da war das hohe Pfeifen der Turbinen. Er mochte es nicht Singen nennen, denn dann wäre es für sie ein Todesgesang.
Die anderen wurden nervös, das konnte er ihnen ansehen, weil sie immer wieder zu ihm blickten. Aber er wartete, denn er war ja so verdammt gut in dem, was er tat.
Schließlich, das Dröhnen drohte unerträglich zu werden und er war sicher, dass sie über ihnen waren, befahl er:
„Auf Periskoptiefe! Schleichfahrt! Rohr eins bis vier bewässern!“
Einige Augenblicke später kamen die leisen Bestätigungen.
„Boot ist auf Periskoptiefe. Boot macht Schleichfahrt. Rohr eins bis vier sind bewässert.“
„Periskop ausfahren!“
Er drückte seine Augen gegen die Wulst der Optik. Die See war spiegelglatt und die dröhnenden Schatten zogen vor seinen Augen in westliche Richtung. Die Männer auf ihnen ahnten nichts. Vielleicht spielten sie Karten, schliefen oder reparierten irgendein verdammtes Ventil, das ihnen schon seit dem Auslaufen Kummer bereitete. Alles umsonst.
Er hatte ein Ziel gewählt. Der Mond schien so hell, dass er sogar den Namen lesen konnte: Asgard. Heimat der Götter. Ein norwegischer Frachter. Bald keine Heimat mehr.
Geflüsterte Befehle, Einstellungen, die an den Torpedos vorgenommen wurden.
Mündungsklappen öffnen.
Torpedos los!
Das Boot bäumte sich auf, als die metallenen Todesboten summend die Rohre verließen, doch der Leitende Ingenieur, ein sehr erfahrener Mann, ließ es rasch wieder trimmen, damit der Bug nicht die Wasseroberfläche durchstieß.
„Auf 80 Meter gehen! Kurs Zwo-Sieben-Null!“
Alle warteten gespannt. Die Stoppuhren tickten. Er hoffte inständig, aber er wusste, dass er nicht daneben geschossen hatte. Die Explosion zerriss die von den Elektromotoren angetriebene Stille. Er ging an den Kartentisch, griff nach dem Zirkel und starrte angestrengt auf das Blatt Papier vor ihm, damit die anderen sein Gesicht nicht sehen konnten. Die Männer nannten das ‘die Marotte des Alten’, das wusste er. Knirschend und stöhnend brachen die Schotten der Asgard, Metall jaulte und dann… nichts.

Sie hatten sie nicht gefunden. Die Eskorten mit ihren modernen Turbinen hatten das U-Boot wie wilde Rächer gesucht, gejagt und verloren. Im wilden Zickzack war es entkommen. Nach fünf Stunden Schleichfahrt war das U-Boot aufgetaucht. Der Konvoi war längst hinter dem westlichen Horizont verschwunden. Nun liefen sie mit Alle-Kraft-voraus ihrer fliehenden Beute hinterher und in den Morgen hinein. Das angestrengte Wummern der Diesel hatte zusammen mit dem Erfolg der vergangenen Nacht eine elektrisierende Wirkung auf die Männer. Der Kommandant saß auf seinem Platz und hatte den Vorhang zugezogen. Nach einer Weile kam der Erste Wachoffizier.
„Asgard. 8.724 Bruttoregistertonnen. Das nennt man wohl einen fetten Brocken.“
Der junge Offizier verschwand mit einem Lächeln. Zurück ließ er einen Kommandanten, der, wenn er in sich hineinhorchte, nichts mehr vernahm.


Die Jury des Poesieschacht-Wettbewerbs zum Thema lautlos vergab den geteilten, mit je 25 Euro dotierten 3. Platz an TrekanBelluvitsh mit folgender Begründung:

TrekanBelluvitsh ist es gelungen, dem Thema „Lautlos” auf schlichte Art und Weise eine originelle Wendung zu geben. Am Anfang der Geschichte wird der Kommandant auf treffende Weise eingeführt, indem wir gleich etwas über seinen Charakter erfahren. Die Situation ist dem Leser jedoch nicht sofort klar, was für einen Überraschungseffekt sorgt. Der nüchterne Stil trägt zur Überzeugungskraft des Textes bei. Vor allem der letzte Satz gibt der ganzen Geschichte nochmal eine unerwartete, ethische (aber nicht übertriebene) Bedeutung. Herzlichen Glückwunsch!
Joost

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Türkise Liane 1. Mai 2013

von Regine

Als ich auf den grün leuchtenden Knopf gedrückt habe, hast Du gleich reagiert,
denn unser Gespräch war abgesprochen. Wir sagten kurz „Hallo“, und
wechselten dann schnell nur noch in die Textfunktion. Du findest es nämlich
komisch, wenn ich rede. Das ist nicht so grausam, wie es klingt. Denn ich
weiß, dass Du es auch komisch findest, wenn Du redest. Wenn wir reden.
Ich hab so gern Dein Gesicht vor mir. Ich hörte gern Deine Stimme. Nun ist der
Ton aus, und die integrierten Kameras richten sich erst auf unsere Nabel, dann
auf unsere Augen. Ich lehne mich zurück, denn das möchtest Du. Lautlos gabst
Du mir auch zu bedenken, dass es gut wäre, mein T-Shirt auszuziehen.
<<Was, wenn ich es tue?“ tippe ich, mit zitternden Fingern.
<<Kannst Du es einfach machen?“
<<Ich will, dass Du Deins auch ausziehst!>>
<<Wirklich?>>
<<Ja.>>
Ich atme tief und regelmäßig und lehne mich zurück. Du fängst an, es
auszuziehen- crash, keine Verbindung mehr. Ich lehne mein Kissen zwischen
mich und die Wand, jederzeit bereit, einzuschlafen.
Du bist wieder online.
>>Siehst Du? Selbst skype will das nicht sehen!>>
>>So ein Quatsch!<<
Du ziehst es aus. Ich kenne jede Falte und jedes weiche Hautteil Deines
Körpers. Ich weiß genau, wie es sich anfühlen würde. Ich lächle trotzdem nur,
weil ich Dein Gesicht sehen kann. So groß ist der Bildschirm. So still ist es hier.
Während Du Bewegungen tippst, die ich vollführen soll, sehe ich tiefer hinein in
Deine Falten am Bauch. In die Löcher Deiner Ohren. Die Auflösung deiner
Kamera ist so schlecht, dass ich kein einziges Haar erkennen kann, aber ich bin
eine tapfere Taucherin in imaginären Gewässern. Ich gehe einfach am kühlen
Brachwasser hinab ganz runter in Deine klirrenden Grundtiefen, denn auch ich
kann in Dich eindringen, dass es Dir weh tut. Während Du noch beschreibst,
wie Du mich nehmen kannst, bin ich schon längst in Dir drin. Schabend,
kratzend, explorierend. Krabbelnd, wie ich es mir wünschte, nicht hoppelnd,
stoßend. Du kannst mich nicht verräterisch stöhnen hören, denn der Ton ist ja
aus. Ich bin ja auch schon längst in der Tiefsee, wo man keinen Laut mehr
vernimmt. Mein Headset mit den Ohrmuscheln und dem Mikrophon wird zum
Kopfschutz und Atemgerät in meinem heimlichen Unterwassergang in Dir. Ich
seh ganz dunkle Herzen dort, drei, vier, fünf, nicht nur eins, das Du mir jetzt
schon verschweigst. Ich sehe noch einige vielfache Deiner stummen Wunden.
>>Are you still there?>>
>>Ja, ja. Was soll ich als nächstes tun?<<
>>Dreh Dich um.<<
Ich dreh mich um. Ich sitze gebückt mit gespreizten Beinen, wende Dir meinen
Hintern zu. Ich kann Dich nicht sehen- kein Schlupfloch, keine Falte. Ich sehe
nur meine Füße durch meine eigenen Beine hindurch- und dann- einen blauen
Tamponfaden. Ich hab meine Tage, in echt nämlich. Jetzt weißt Du es auch.
Und jetzt seh ich Dein Gesicht. Deine Nase wird gebrochen durch das helle
Türkis des Fadens. Ich seh Dein Nasenloch, Du mein Poloch. Ich schwinge mich
an dem Faden in deines hinein. An meiner kleinen Zehe stütze ich mich ab.
Hija! Ich bin doch wieder in Dir!
Die Vielfachen sind ledern und zäh. Ich stoße meinen Körper durch sie
hindurch.
>>Weißt Du eigentlich, dass es anstrengend ist, in Dir zu sein?>>
>>Was?>>
>>Nichts. Go on. >>
In mir zuckt es. Der Faden ist ziemlich stabil, noch, doch ich weiß, wenn ich
mich zu tief in Dich wage, ziehe ich zu sehr an mir selbst, und dann verletze
ich mich entweder, zerreiße mich oder ich werde aus Dir raus katapultiert. Oder
schlimmer- es gäbe keinen Weg zurück. Also nehme ich die Mission auf
Zehenspitzen wahr, so sanft wie man auf Meeresgründen eben laufen kann,
ohne die Bodenhaftung zu verlieren. Ich will in Dir nicht noch mehr brach
machen, es ist schon genug wüste Tiefe um mich herum, stürmische Gewässer,
die Dich nachts nicht schlafen lassen und mich auch nicht, weil Du nach mir
verlangst.
Wenn Du mich stumm schaltest, kannst Du mich ansehen, und dabei in Dir
selbst versinken. Hier begegnen wir uns aber nie. Nur ich dem schwarzen
Schlamm, den ich in Metamorphosen, die der Tiefenrausch mit sich bringt,
manchmal für Deine Vielfachen halte. Wie die bunten Blasen einer purpurnen
Lava-Lampe. Ich wünschte, ich könnte sie blubbern hören. Ohne Ton sind sie
bedrohlich. Lava-Lampen dürfen auch nicht umfallen. Was ist das? Mein Fuß
scheint für einen Moment einzubrechen. Zu tief zu rutschen. Das ist mir zu
weich hier.
>>Hast Du meinen Faden gesehen?>>
Ich bin aufgeregter beim Tippen als bei der Erregung vorher. Ein Wunder, dass
es mir gelingt, alles richtig zu schreiben. Oder bilde ich es mir nur ein?
>>Ja.<<
>>Ich schäme mich.>>
>>Don’t.>>


Die Jury des Poesieschacht-Wettbewerbs zum Thema lautlos vergab den geteilten, mit je 25 Euro dotierten 3. Platz an Regine mit folgender Begründung:

„Türkise Liane“ näherte sich dem Wettbewerbsthema über ein ungewöhnlich gewagtes Szenario, das diverse Facetten der Lautlosigkeit ins Licht taucht. Es gibt einen Rückzug in die Lautlosigkeit, aber auch das Schleichen ihr. Eine Schutzfunktion, die sich selbst manipuliert und aufhebt. Der Text verleiht Ungesagtem auf verschiedenen sprachlichen Ebenen eine Stimme, die unentwegt zu nahe zu treten scheint. Es entsteht ein Moment, das über die Lautlosigkeit des Zwischenmenschlichen und das Innere hinausgeht.

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kopf, gewitter, nacht 30. April 2013

Gedicht von Owald

im licht der blitze zuckt die vorstadt träge.
verstummt die stimmen, die am tag hier wohnen,
verwaist die omnivoren dreißig-zonen.
ein eisengitter zählt die hagelschläge.

die aufgerauhte luft verbellt das grübeln.
der donner reibt die häuser in den grund.
der parkscheinautomat schlägt blasen und
der sturm sucht deckung hinter blumenkübeln.

ein spätheimkehrer kübelt in die blumen
und wirft sich dann zum schlafen in den wind.
die dinge bleiben heute wie sie sind.

die straße ist ein werwolf aus bitumen.
der tut nichts. der will auch nicht spieln. der schaut bloß.
der donner macht den krach. der blitz ist lautlos.

 


Zum Poesieschacht-Wettbewerb “lautlos” hat die Jury beschlossen, neben den bepreisten Gewinnertexten zwei weitere Texte aus purer Freude an der Unterschiedlichkeit der Einsendungen und der resultierenden Lesefreude rühmlich zu erwähnen. So geschehen mit dem von Owald eingesandten Gedicht:

“kopf, gewitter, nacht” nähert sich dem Wettbewerbsthema gar so hinterlistig: Die zugleich arglos und lakonisch beschriebene Szenerie ist beherrscht vom Wüten eines Sturmes mit all dem Lärm, den ein Sturm so produziert. Doch werden Hagel, Wind und Donner durch den Gang des Reims dem Leser recht melodisch zugetragen, so daß dieser sich, die Augen reibend, auf die Bilder konzentrieren kann. Denn die Bilder, die das Gedicht malt, bleiben hängen, wirken nach, als hätte der lautlose Blitz ganz höchstpersönlich sie in die Köpfe der Jury eingebrannt…
Für dieses Leseerlebnis danken wir dem Autor recht herzlich!

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lautlos 31. Dezember 2012

Liebe Menschen,

mit dem Thema “lautlos” startet Poesieschacht, ein Literaturwettbewerb des Vereins keinverlag e.V., zum dritten Mal. Poesieschacht ist ein Projekt der Initiative keineJugend, basierend auf dem Online-Literaturforum keinverlag.de. Die Teilnahme steht allen Mitgliedern der Plattform offen, man kann sich auch gezielt dafür anmelden.

Zu gewinnen gibt es Preisgelder von insgesamt 200€, welche die Jury nach eigenem Ermessen unter 2-4 Gewinnern aufteilt.

Was ihr dafür tun müsst:

Schreibt einen Text von maximal 1 000 Worten – Genre beliebig – zum Thema “lautlos”. Ihr könnt euch dabei an diesem Video orientieren:

Schickt ihn bis zum 28. Februar 2013 als .pdf-, .docx- oder .doc-Dokument an poesieschacht@keinejugend.de. Teilnehmen können nur Mitglieder des Online-Literaturforums keinverlag.de, das Anmeldedatum ist aber unwichtig.

Die Gewinnertexte werden dann von den keinverlag-Mitgliedern tausendschön, Joost, SunnySchwanbeck und m.o.bryé ausgewählt und zur gegebenen Zeit an dieser Stelle bekanntgegeben.

Zur Orientierung, wie Video und Text zusammengehören könnten, habt ihr natürlich die Möglichkeit, euch das Video des letztjährigen Wettbewerbs zum Thema “Spaziergang” noch einmal anzusehen, und dazu die Gewinnertexte zu lesen.

Wichtig!

In dem Dokument dürfen euer Name bzw. euer keinverlag-Nick nicht auftauchen. Stattdessen denkt euch bitte ein möglichst individuelles Codewort aus, das keinen Rückschluss auf eure Identität zulässt. Betitelt die Datei dann mit „[CODEWORT] Text“ und schickt eine zweite Datei namens „[CODEWORT] Name“ mit, die euren Nick und Realnamen beinhaltet.

(Beispiel: Würde ein Teilnehmer sich das Codewort „Telefonstrauch“ aussuchen, sähen seine Dateien so aus: TelefonstrauchText.doc, TelefonstrauchName.doc.)

Wir warten gespannt auf eure Einsendungen,

liebe Grüße,

eure Jury

Und: Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

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Weiter 3. März 2012

Kurzprosa von Savignon

 

„Say goodbye to your sorrow and hello to tomorrow.“
Wolfmother

Will packt seine Sachen für Australien. Wirft alte Rechnungen weg, stellt sein Fahrrad in den Keller und die Schlüssel gibt er mir. Was nun? Er sitzt mit einer Tasse Kaffee am Küchentisch. Fast zwei Stunden Zeit. Wir reden über seine Familie, die er nur kurz besuchen wird. Zwei Schwestern, die eine jünger, die andere älter; ein Halbbruder irgendwo in Nordengland. Wills sich hebende Augenbrauen geben zu, dass er bei ihnen nie lange bleiben kann. Ich sehe ihn schmunzelnd an. Vielleicht merkt er es, so wie ich, erst jetzt: dass ich ihn mag.
Was also? Will ist dunkelblond, kurzbärtig. Er zieht beim Reden den Mund in eine seiner unrasierten Wangen, dass es so aussieht, als würde er aus dem Mundwinkel sprechen, nicht durch die Lippen. Einmal noch hinunter zum Schlosspark? Ja, lass uns gehen, der Tag ist hell und sonnig. Der Fluss spiegelt die schwarzen Bäume und die Hausfassaden wie gemalte Aquarelle. Will sagt, er werde diese Stadt nicht vermissen, wohl aber das Land. Er hat es über ein Jahr lang in alle Richtungen bereist, um sein Buch zu schreiben, und nun ist es fertig. Nichts hält ihn mehr. Auf der Bank sitzt der Obdachlose wie immer und wimmert seinen Gruß. Meine Hände bleiben in den grauen Taschen meiner Jacke verborgen, meine Augen folgen den hingleitenden Wolken.
Nein, Will hat es nie bereut, hierher gekommen zu sein. Dass er jetzt wieder in ein englischsprachiges Land zurückkehre, mache ihn nicht besonders glücklich. In einem fremden Land mit einer fremden Sprache bist du viel freier, denn du kannst fragen, was immer du willst, niemand wird es dir übel nehmen. Wir kommen an der Fußgängerbrücke vorbei, auf der ich mehr als ein Mal schon stand und voller Verzweiflung deutsche Worte ins Wasser warf, bis sie mir irgendjemand durch sein bloßes Vorübergehen wieder verbot. Will erinnert sich, wie diese Brücke vor einem Jahr hier aufgetaucht sei; er habe nie jemanden daran bauen gesehen; sie sei plötzlich dagewesen, als er von einer längeren Reise gekommen sei.
Hinter der Autobrücke stehen die Skulpturen. Sie stellen kranke Menschen dar, sagt Will. Körperlich oder geistig krank? Beides, meint er und deutet auf das verdrehte Rückgrat der einen Figur. Anfangs fragte ich mich immer, worüber diese unförmigen Leiber aus ihren aufgerissenen Mündern klagen; irgendwann hörte ich auf darüber nachzudenken. Er habe hier einmal einen Künstler getroffen, der bis ins Genaueste ihre ungleichen Gliedmaßen abgezeichnet habe. Warum er das tue? Weil kein Foto das wirkliche Sehen ersetzen könne.
Auf der flachen Kaimauer sitzt heute ein Flötenspieler, den ich noch nie gesehen habe. Will begrüßt ihn, er scheint ihn zu kennen. Die beiden tauschen Freundlichkeiten in der Landessprache aus, dann stellt Will mich auf Englisch vor. Aus Deutschland bist du, freut sich der Flötist, während ihm eine dunkle Haarsträhne ins Gesicht fällt. Meine Großmutter war Deutsche; leider habe ich nie die Sprache gelernt… Aber, nimmt er die Querflöte, horch auf das, und führt sie an seinen Mund: – Bach ist es, Bach, und jene Melodie, die auch Ian Anderson spielte, der Mann mit den aufgerissenen Augen – Da tritt ein Flimmern vor mir aus der Luft, umtanzt den leeren Zwischenraum, aus der Mauer wachsen Steine und ich sehe eine Gestalt durch die Arkaden laufen, eine Gestalt in vertrautem Grau, die sich an den Brustkorb fasst, die wankt und keucht und die Augenlider auf- und niederwirft. Will!, ruft meine Stimme, Will! Die Gestalt rennt davon vor ihren Rufen, bei den Missgebildeten stürzt sie auf die Knie, kippt nach vorn und wehrt ihr Fallen mit den Handflächen vom Boden ab.
Die Melodie hat aufgehört, die Gestalt starrt auf den Beton, sammelt jedes Gesteinskorn einzeln ein und stößt aus: Weiter! Weiter! Von ganz nah klopfen Worte an meine Ohren, deutsche Worte, denen mein Kopf keinen Sinn zuordnen kann; meine Augen sind geschlossen, über meine Zunge schwemmt eine eigentümliche Süße – Traubenzucker, schießt es durch mein Hirn, wer gibt mir Traubenzucker? Meine Arme knicken zusammen, mein Körper dreht sich und ich sitze auf dem Boden. Wills Gesicht schaut mich an. Es fragt: Geht es dir besser?, noch bevor der Mundwinkel sich öffnet.
Will hat blaugrüne Augen. Fast wie das Flusswasser, denke ich und hebe ein Ja aus meinem Hals. Der Zucker hat sich aufgelöst und rinnt mir in die Kehle, dass ich auf einmal husten muss. Oh ja, Leben geht weiter, lächelt Will; zum Glück, Mann!
Ich nicke langsam und nehme seine Hand.


Die Jury des Poesieschacht-Wettbewerbs zum Thema Spaziergang vergab den mit 100 Euro dotierten 1. Platz an Savignon mit folgender Begründung:

Der Text “Weiter” überzeugte die Jury durch seine souveräne unpathetische, aber poetische Sprache. In dieser fesselnden Beschreibung eines Spazierganges treibt der Leser von einer Außenperspektive in eine Innenperspektive. Der Text entführt den Leser so in den Ort des Geschehens und in tiefere psychologische Weiten. Darüber hinaus wird das Thema Spaziergang zur Wanderung über mehrere Länder ausgedehnt und sieht so das Video als assoziative Metapher, für das Weitergehen auf geographischer, persönlicher und spaziergängerischer Ebene. Der Text ist wie ein modernes Märchen für wie auch immer reisende Wegsuchende und wirft mehr Fragen auf, als er Antworten gibt.
Kurzprosa at its best.

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Weg 2. März 2012

Gedicht von Matthias_B

 

An matten Ästen hinkst du leis

vorbei und suchst den Grund in Mühe,

bis du wie ein Blatt dort fällst,

in dich zusammenfaulst und schnell

im Jenseits neu ersprießt. So blühe

tief im letzten, reinsten Weiß.


Die Jury des Poesieschacht-Wettbewerbs zum Thema Spaziergang vergab einen mit 33 Euro dotierten geteilten 2. Platz an Matthias_B mit folgender Begründung:

Der Text “Weg” malt in zarter, schlichter Sprache ein Bild vom Vergehen, das sowohl existentiell wie zyklisch verstanden werden kann. Die assoziative Bildsprache vermittelt dem Leser eine Unbegreifbarkeit des Geschehens. So wirkt der Text wie ein Traum, von dem am Tage allein ein Gefühl der Bedeutsamkeit geblieben ist. Besonders hevorzuheben ist die minimalistische und (auch) dadurch poetische Sprache des Textes, die in wenigen Worten eine so große Wirkung entfaltet.

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Nacht.Lieder.Frost oder: Chaos.Sterne.All 2. März 2012

Gedicht von SCHWARZERLEU

An Sternschnuppen zähle ich
Zufall – Schicksal – Zufall – Schicksal
Ab. falle ins Amok
Meiner selbsterfüllenden Prophezeiungen
 
Hier geht ein Klavierklang durch die Zweige
Dieser kleine Minnesang schlägt den Puls
Meines Wandertriebes wieder an
Ich werde fortgetrieben & kann nicht ufern
 
Schneewehen wie Milchglas
& Raureif donnert, eine Kältesonne
Die verblich fast, wäre ich nicht
Über Frost und Nacht gestolpert
 
Die Schemen und Schemata von
Flügeln mögen der Romantik
Noch so urähnlich sein
& verfickter Kitsch mag mancher
 
Denken. ich scheiß drauf. ich
Falle lieber ins All & schlendere dann
Noch ein bisschen
Auf den Ringen des Saturn

Man muss noch Chaos in sich haben
Um einen tanzenden Stern gebären zu können


Die Jury des Poesieschacht-Wettbewerbs zum Thema Spaziergang vergab den geteilten zweiten Preis in Höhe von 33 Euro an SCHWARZERLEU mit folgender Begründung:

Dieser Beitrag überzeugte für den zweiten Platz, weil er so herrlich größenwahnsinnig mit dem Thema „Spaziergang“ umgeht: Das Weltall ist unser Pony, der Kosmos unser richtiges Pferd! Das Thema des Wettbewerbs und die Assoziationen des Videos werden hier überweltlich aufgegriffen. Somit wird der Rezipient mitgenommen auf eine Irrfahrt durch kosmische Distanzen und die uferlose Seelenreise eines sich findenden Individuums. Es ist ein zweifelnder Kampf: Anstatt sich zufrieden zu geben mit einer nüchterneren Ansicht, fällt das lyrische Ich lieber ins All, gehorcht inneren Impulsen, bis es erst auf den Ringen des Saturn zum „Schlendern“ kommt. Ironisch bricht sich das „Ich“ in seiner großem Wanderung, in dem es sich den „verfickten Kitsch“ zugesteht und gleichzeitig ob dieser großen Worte ins Lässige verfällt. Darüber hinaus fiel der Beitrag durch eine progressive, eigenständige Sprache auf, ohne prätentiös zu wirken. Die Auszeichnung für den Versuch einer neuen Lyrik soll für den Autor eine Ermutigung sein, sich weiter zu finden und mit Formen zu experimentieren.

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