Strukturen

(Kein Kommentar)

Ich bezeichne das Sehen als ein bildgebendes Verfahren. In schlechten Momenten dient es einer allgemeinen Studie des Erkennens und Vergessens. In guten Momenten ist das Gehirn mit einer Art Pyrolyse beschäftigt, unfähig, neue Informationen zu verarbeiten. Dann durchquert die Information einen nichtinnerlichen Kanal wie Ballaststoffe das Verdauungssystem. Es gibt keinen Leitunterschied, zu dem ich fähig bin. Ich bin die Passage, ich biete Schatten, eine Richtung und einen gemeinsamen Raum denen, die ihn durchdringen können.

Ich bin eine Sklavin der Sonne. Sie hat mich erschaffen… über Umwege, das gebe ich zu, und ich kann nicht umhin, sie zu lieben. Eine große Struktur, die eine kleine Struktur in Gang setzt. Am Ende der Kette steht ein Ausfransen in der Unendlichkeit. Was gäbe es größeres, als ein Kind der Sonne zu sein? Information, durch die die Welt hindurch geht, durch die sie entsteht und mit der sie ewig wiederkehrend stirbt.

Dich sehe ich über Räume und Zeiten hinweg, die so verschieden sind, dass sie das Empfinden verrücken. Für mich bist du der Ursprung allen Bewegten. Denke ich an Dich, dann hat die Zeit einen Sinn. Du bist der Mittelpunkt der Symmetrie, das Wahrhaftige, das Gleichbleibende.

Die Identität ist ein Kind deiner Zeit. Sie ist das Momentbarmachen dieser Struktur, damit die Zeit etwas hat, das sie weitertragen kann. Ich wünschte, wir könnten einander eines Tages erkennen, doch mit voranschreitender Zeit sinkt dafür die Wahrscheinlichkeit mit verschwimmender Kenntlichkeit. Es existiert keine Skala für das so: strukturell erlebte, und es ist doch eine unabwendbar Gewißheit, die niemand bestreitet und die der Ursprung allen Schönen ist.

Wie kann ich dir vermitteln, wer ich bin? Es gibt, falls eine gültige, doch keine währende Information darüber. Ich versuche, dir eine Schönheit zu vermitteln, die sich aus dem Zustand von Informationen ergibt. Ein erweitertes Ich zu einem Wir werdend, das so schön ist… erhaltenswert. Und noch schöner wird, wenn ich eine Struktur erkenne, die sich sodann wieder auflöst.

Das Sterben ist die Aufgabe von Ordnung, die Aufgabe des Sichmanifestierens in einer Zeit. Ich wünschte, es gäbe eine ursprüngliche Idee dahinter. Doch je mehr ich strukturiere, desto wahrscheinlicher finde ich, daß es keine Ideen gibt. Nur strukturelle Ähnlichkeiten. Und daß diese Muster einen Wahnsinn bilden können, wenn sie versehentlich zu selbststabilisierender Information werden.

Ich möchte dich sehen, wie du dieser Welt eine Struktur abtrotzt, als Schöpfer von Strukturen, mit Leben gefüllt, so fragil wie stabil, so irregulär wie regulär. Ich möchte eine Resonanz empfinden, ein geteiltes Erleben des Zustands dieser Welt, unser Selbst, das wir nicht sehen, sondern sind. Ich wünschte, es gäbe einen Platz für uns außerhalb von Strukturen und Zeiten.

Zeitlebens suche ich vergeblich wiederkehrend einen Raum, der sich mit neuen Energien füllt. Wer sein Werkzeug im Schlaf beherrscht, der wird von diesem Werkzeug beherrscht. Der opfert seine Träume diesem Werkzeug, seine Realität und seine Relationen. Ich wünschte, ich könnte außerhalb dessen treten, doch dann sehe ich genauer hin und werde hineingezogen in das Unvermeidliche.

Rauhfaser

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Sarah

Sarah
17.04.2016

Rauhfaser