Ruinen 20. Dezember 2014

I

Wir sitzen auf der Veranda des alten Hauses und stellen uns vor hier zu leben.
Ich habe diesen Sommer nur schwarz getragen. Irgendwann im Frühjahr lag ich im Bett und traf die Entscheidung, das dies ein schwarzer Sommer werden würde. Ich hatte dann all die Wochen das Gefühl aus der Menge hervor zu stechen, im Supermarkt, in der Bahn. Aber Kiki sagt, dass meine Augen so mehr leuchten würden. Lichtblau nennt sie es. Wenn wir durch Blumen laufen steht sie staunend.
Wir sitzen auf der Veranda des Hauses und stellen uns vor hier zu leben.
Es gibt keinen Grund dazu. Wir sind nicht unglücklich mit unseren Leben, und wir wissen auch, dass wir es nicht ändern werden. Eine Entscheidung trägt einen Weg mit sich, Innen oder Außen. Eine Entscheidung passiert, wenn sie in den Rahmen passt, einen Grund hat, erklärbar ist. Dies ist nicht erklärbar, dabei wäre es so einfach. Wir sind außerhalb der Stadt, hier ist alles verlassen. Der Garten ist verwachsen und obwohl die ganze Stadt öde und trocken ist, der ganze Landstrich staubig, wächst hier in Nähe des Flusses Farn und Eukalyptus, der Sommer steht hoch und blütig, Bambus und Brombeeren, Honigblumen und wilde Wiesen, Gras ungemäht und duftend. Es gibt eine Quelle. Wir hätten nur die Tür aufbrechen müssen und anfangen müssen. Wir mögen uns.
Wir sitzen auf der Veranda und stellen uns vor zu leben.
Mit unseren Worten bauen wir eine Welt auf. Sie will eine Schaukel und ein Baumhaus mit Liane und mit Feuer spucken, tanzen mit Feuer, und immer die Farben tragen, die der Himmel gerade trägt. Blau und weiß und grau und rosa und orange und golden. Später nachtblau. Wenn sich das Wetter ändert würde sie ins Haus laufen und sich umziehen, sagt sie. Und dann zurück ins Baumhaus und Lianen flechten, auch bei Regen.
Ich würde Malen. Ich würde die Wände anmalen in all den Farben, die man nur erahnt, ich würde schweigen in schwarz, Früchte von den Bäumen essen, ich würde Klavier lernen und manchmal singen, wenn sie draußen ist, sie würde lauschen und mich aus der Ferne hören, als wäre ich eine Elfe.

II

Später kehren wir in die Welt zurück. In der Wohnung riecht es nach Katze. Kiki zündet Kerzen an und kocht Sommertee. Ich stehe am Fenster und schaue in die Stadt, blicke tief in ihre Augen mit der grauen Iris und den Flecken aus Fenstern. Sie starrt zurück, die Stadt. Wir verstehen uns. Ich kann die Geräusche zuordnen, höre Sirenen und Feuerwehrautos, jemand hält unten ein Taxi an und reißt die Tür auf. Der graue Mann dort muss nach Lavendel riechen. Ich beginne zu Arbeiten. Ein Anzug in Lavendel. Meine Modelle sehen meist wie Kiki aus. Ich male Kostüme in Himmelfarben. Frühlingskollektion. Federn und Blätter. Wolkenröcke. Die Haare male ich rot und wild, die Augen verklärt und listig – so wie ihre. Später bringt sie mir Tee und steht still. Sie sieht zu, wie ich die Stifte führe, wie ich sorgsam eine neue Farbe wähle und dafür Stift um Stift in die Hand nehme, ihn erfühle. Silber, sagt sie schließlich und verlässt mich. Die Tür fällt ins Schloss.
Wenn ich allein bin, dann zieh ich mir die Kleider aus und meide die Spiegel. Will mich nicht mehr reflektieren. Das ist eine Welt ohne Spiegelbild. Es gibt hier nur sehen und alles dreht sich um mich herum, wenn ich mich bewege. Das ist Mathematik, das ist Physik, aber reflektieren muss man da nicht, nur Sehen sehen und versuchen nicht zu werten, nicht zu zweifeln. Ich weiß nicht wie lange ich so stehe. Damit aufzuhören ist wie wieder zu sich  kommen, nur weiß ich nicht was davon ich bin. Die Kerzen im Flur sind ausgegangen, ich schaltet das Licht an.

Yuri kommt zu Besuch. Sind wir verabredet? Wir reden nicht darüber. Er lässt seine Stiefel im Flur, geht auf Socken in die Küche und fängt an zu kochen. Freitagabend. Ich ziehe mir im Zimmer meine Kleider an und werde sie mir später von ihm ausziehen lassen. Er pfeift in der Küche, er ist meistens fröhlich. Als ich schwarz in die Tür trete, mustert er mich und lächelt. Ich weiß, was er denkt, aber ich sage nichts.
Er hatte mich einmal gefragt, ob ich Tagebuch schreibe. Nein, hatte ich geantwortet. Und es stimmte. Ich hatte ein Buch, dass ich mir Worten und Skizzen füllte, mit Photos beklebte, doch nichts Geheimes stand darin und da wusste ich, dass ich mich selbst belog. Ich hatte Dinge in mir, die niemand wusste und die ich sogar mir selbst gegenüber nicht aussprach. Ob alle so waren? Sollte ich all meine Zweifel in Bücher füllen? Jedoch müsste ich dann auch zu Handeln beginnen. Vielleicht meide ich deshalb die Spiegel. Ich bin nicht mehr vierzehn. Die Welt.
Yuri ist der Herbst, groß und braun. Braune Augen, braune Haare, grüne oder braune Kleidung. Heute trägt er eine Weste aus Wildleder und braune Jeans. Es steht ihm. Ich sage es, er lächelt. Wir essen chinesische Nudeln mit Gemüse, trinken den Rest von Kikis Tee (er ist kalt geworden). Mein Bett riecht nach Rose und Lavendel. Er kramt eine Kerze aus seiner Tasche und stellt sie auf die Fensterbank zwischen meine Pflanzen. Vanille, sagt er. Ich fühle mich ganz kurz davon gestört. Dann lächle ich und greife nach ihr, entzünde sie. Er mag keine Musik beim Sex. Wir bewegen uns in Stille. Wenn er mir die Kleider auszieht, ist es, als berühre er mich kaum, wie ein Magier. Ich gebe mich dem Herbst hin.

Irgendwann betrete ich das Haus. Es muss eigentlich Nacht sein, denn ich weiß noch wie ich zu Bett ging, jedoch scheint die Sonne, es ist heller Tag und diesmal bin ich allein, die Tür steht schon offen. Ich gehe ohne zu zögern hinein.
Und es ist alles so, wie ich es mir vorgestellt hatte: Noch hängen Fetzen von alter Tapete, meist mit Blumen, an den Wänden, die Pflanzen ranken wo sie können durch gebrochenes Glas in die Zimmer hinein, das Licht färbt sie grünlich und die Blätter werfen tanzende Schatten auf den Boden. Der Boden ist staubig, die Ecken vergilbt, auch die Wände. Es ist jedoch nicht chaotisch, die Möbel stehen aufgereiht an den Wänden. Es gibt keine Betten mehr, aber Kommoden, viele Kommoden mit Schnitzereien aus dunklem Holz und Vorhänge aus Spitze, kleine Tischchen, ein altes Telefon mit Drehscheibe, das Rad ist rostig. Eine Wanduhr steht auf dreizehn Uhr siebzehn und das Gewicht hängt reglos und antriebslos an der kupfernen Kette.
Ich suche mir ein Zimmer aus. Es liegt im ersten Stock, die Treppe knarzt, morsch und dunkel, führt von dem Eingangszimmer im Halbbogen hinauf. Ich gehe an Fenstern vorbei und ich kann den Fluss fließen sehen. Die Rahmen sind undicht und Wasser sammelt sich an manchen Stellen, riecht modrig und die Blätter des letzten Sommers schwimmen darin wie Skelette.
Das halbe Dach ist eingestürzt, doch die Eiche neben dem Haus ist so breit gewachsen, dass sie es beinahe ersetzt. Der linke Teil des Hauses steht so offen und ist voll von Eicheln und Laub, Vögel nisten und ich schrecke sie auf. Kleine Rotkelchen und Tauben. Der rechte Teil ist unversehrt. Mein Zimmer hat eine Loggia nach Osten hin. Das Licht bricht sich durch milchiges Glas mit Sprüngen und wirft ein Prisma mit seltsamen Linien und es sieht aus als hätte die Wand noch eine weitere Ebene, als schuf das Licht einen Durchgang in die Steine. Nur ich weiß nicht warum ich woanders hätte hingehen sollen. Ich bleibe und sehe bis die Nacht fällt. Dann erwache ich. Vanille.

III

Kiki kommt erst Tage später und erzählt mir von Daniel, die Pupillen weit. Ich stehe in der Tür, sie trägt ein neues Kleid aus hellroter Seide und es schmiegt sich an sie wie ihr eigener Pelz. Sie sieht aus wie ein Fuchs, als sie sich zusammenrollte auf ihrem Bett. Das Kleid wirft Falten und ich sehe, dass sie abgenommen hat.
Ich habe sie schon lange nicht mehr nackt gesehen.
Früher saßen wir morgens zusammen im Badezimmer, sie unter der Dusche und ich auf dem Klo oder andersrum. Wenn sie den Vorhang beiseite schob, beobachtete ich sie zwei Sekunden und das reichte immer um jeden Teil ihres Körpers zu erkunden. Als ob sie meine Gedanken gelesen hatte, sagt sie, dass sie duschen gehe und dann wieder zu Daniel und wir verabreden uns für Freitagabend. Yuri ist mit seinem Mitbewohner in Budapest. Ich bin also allein mit der Stadt.

Ich starre tagelang auf die Küchenwand und lasse einen Schwarzweißfilm nach dem anderen darüber laufen. Alles daran ist egal. Die Schatten springen und schwimmen, ich lasse sie fahrig, trinke Kaffee und skizziere nebenbei graue Menschen mit Bärten, aber ich bringe nichts zu ende. Ich fühle mich schwer und knotig, wie nasse Wolle, die man nicht mehr entwirren kann. Ich koche immer wieder mit dem gleichen Topf, die Wand färbt sich mit Rauch, ich vergesse mich bis Freitag. Der Hafen liegt golden in der Sonne, dann dusche ich und schneide mir ein paar Zentimeter meiner Haare ab, ich wähle ein nachtblaues Kleid, silberne Schuhe, dunkelroten Lippenstift. Die Erinnerung, dass Sommer ist, kommt zurück. Ich treffe mich um neun mit Kiki in der Sushibar, aber irgendwie ist das plötzlich nicht mehr so wichtig. Mir fällt etwas von früher ein, damals.

IV

Kiki heißt eigentlich Kyriki Nim und allein das hat sie für mich schon besonders gemacht.
Und dann das rote Haar und diesen weinroten Damenhut, den sie darüber trug – Sie mochte die Nacht und den Frühling, hat gerne Blumen gepflanzt und tausend verschiedene Musikstunden genommen, bis sie merkte, dass sie keine Begabung hat. Dann fing sie an zu tanzen und sie tanzte gut.
Ich habe Geige gespielt damals, ich spielte für Kiki und sie bewegte sich dazu. Manchmal kam sie aus dem Takt und dann blickte sie mich mit einem merkwürdigen Ausdruck an. Ich habe jetzt verstanden was das war. Sie bewunderte mich.
Das was an Kiki kindlich und schmal war, das war an mir edel und rund, damenhaft. Ich hatte sanfte Augen, dunkle Wellen, die glänzten, und all das mochte ich nicht.
Als wir dann Neunzehn wurden, fuhren wir mit dem Auto ihres Vater Richtung Süden. Eigentlich war es ein Bus, ein alter erdfarbener VW, der in Indien gewesen ist, in Nepal und Marokko, der staubig war und nach etwas fremden roch. Wir hatten wenig Ziele. Ich hatte mich für Modedesign an Unis beworben, Kiki für Tanz, wir wollten nach Berlin oder Wien, Barcelona, aber wenn, dann zusammen.
Wenn wir im Auto saßen, erzählte Kiki oft von ihrem Leben vor mir und alles klang phantastisch. Ich hörte eigentlich zu oder duldete vielmehr ihr ständiges Berichten von sich selbst und fragte mich oft, ob sie in all dem Reden die Umgebung, die wir durchquerten, wahrnahm oder ob es für sie hier beinahe das selbe ist wie durch bekannte Straßen fahren. Ich denke die Dinge, die sie sah, erinnerten sie einfach an etwas und das erklärte sie, ich nahm ihr das nicht übel, es war nur exotisch für mich.
Abends saßen wir in Bars, in den Städten oder auf dem Land, egal wo wir waren, und Kiki scherzte mit den Leuten. Ich schrieb Postkarten an Jan und spielte ab und an Geige, dann wurde alles still.
Der Sommer ging so zweisam, wir brauchten nicht viel. Als wir zurück waren, wurde es Herbst, wir packten unsere Fluchtkoffer und verstauten sie in der Ecke unserer Schränke in der neuen Wohnung am Hafen. Wenn es einmal nicht mehr läuft, sagte sie, wenn hier einmal etwas fremd wird zwischen uns, dann nehmen wir die Koffer und fahren in den Süden und erleben diesen Sommer nochmal, sagte Kiki. Weil wir schon damals wussten, wie es kommen würde. Jetzt stehen sich die Koffer staubig und die Dinge darin vergessen sich. Meine Geige steht daneben, Kikis Röcke und wir können nicht weg, weil bald Herbst ist.

V

Wir stehen am Beckenrand und betrachten das Wasser. Draußen peitscht der Herbst seine Arme an die Fenster und schüttelt die Bäume durch, Kastanien fallen knallend.
Zu viert stehen wir und denken an die Oberfläche vor uns. Yuri springt als erster, dann Kiki, dann Daniel. Bunte Fächer im Wasser, lachend und kreisend. Der Raum riecht nach Chlor und die Scheinwerfer grellen unsere Körper auf, Kikis Haare leuchten neon. Die Fächer schwimmen ihre Bahnen durcheinander. Yuri taucht unter den anderen hinweg wie ein Rochen, kreuz und quer, er verweilt am Boden in Stille, dann schnellt er plötzlich hoch wie ein Delfin und schwebt einen Moment über dem Wasser und taucht wieder unter. Kiki dreht sich plötzlich, sieht mich lachend an und ihre Augen werden listig, sie spritzt mich an, erreicht mich aber nicht, schwimmt näher und kalt prallen die Tropfen auf meine Poren, stoßen sich ab an meiner Haut und wollen zum Strom zurück. Komm endlich, ruft sie. Überwinde dich endlich. Ich schüttle nur den Kopf und schaue zum Himmel, da zieht mich etwas an, oder es zieht mich weg von diesen Augen.
Ich klettere die Stufen hinauf, Fuß für Fuß und der Herbst steht mächtig am Fenster, knallt seine Fäuste in die Welt bringt den Turm zum zittern. Meine Hände greifen fester.
Oben schaue ich auf die Fächer im Wasser, klein und still. Der Turm schwankt und knarzt, dass Glas über meinem Kopf splittert und bricht das Licht als Prisma, das Wasser wird zum Tor. Dazu die Hitze vom Licht und die Böen, die mich greifen und es bleibt mir nichts anderes als zu springen. Die Decke bricht.

Theresa Keine Kommentare »

 

Where are we gonna go from here when the night sky has turned scarlet? 7. Dezember 2014

We drove down to the coast
I don’t know why we faked it
Even when we got close
Somehow we never made it

Let’s put our weapons down
And memorize our faces
The waves are closing in
Determined to erase us

We wanted so much more
Roaming these plains in vain, yeah
Let’s leave this lustless shore
And stake another claim, we’ll

Take back what’s yours and mine
We’ll break the bank together
A race against our time
A bet against the weather

Where’re we gonna go from here
When the night sky has turned scarlet
And the road has disappeared?

Give me that precious fix
Yeah something to get high on
With all the strain eclipsed
We’ll find a way to shine on

Let’s get it in our blood
You know I will believe in
The ghost we’ve conjured up
The ghospel of deceit, we’ll

Discard the here and now
Invent a better story
Enter the secret show
Conquer new territory

Let’s bend the envelope
Muss up the judges scores, and
Laugh out before we choke
Blueprint our au-revoirs then

Can we ever trust our eyes
When our nights are full of phantoms
And our days have lost the light?

It’s a disconnect from our loyalties
Disconnect from all we’ve been, a
Disconnect in the way we feel, we
Disconnect and lose all meaning

Tell me – are we better of now?

We drove down to the coast…

(Text und Musik: Jan Schoenmakers 2014 für Ephemere)

Jan Keine Kommentare »

 

Die Postkarten aus dem Werk 14. November 2014

KarteMeer

Liebes X,
heute war es sonnig, ich habe überall Sand, im Sand war eine Muschel in der Muschel war nichts.
Love,

 

 

 

 

 

 

KarteAkten

Liebes X,
ich fand einen Weg, den konnte ich nicht gehen, das war wunderbar und traurig und ich träume wieder.

 

 

 

 

 

 

KarteSkulptur

Liebes X,
einen Turm baut man besser im Sommer, im Winter vereisen die Stufen und man fällt.
Bestes,

 

 

 

 

 

 

KartePaletten

Liebes X,
ich baue eine Höhle mit keinem Fenster, einer Tür, einem Fuchs, einem Maulwurf und keiner unterirdischen Quelle.
Und..?

 

 

 

 

 

 

KartePapier

Liebes X,
ich sprang in Laub und einen Igel, wir brachen uns beide den Fuß. In meinem sind außerdem Stacheln. Der Verband ist nur wenig blutig und kommt bald ab. Ich unterschreib für dich.

 

 

 

 

 

 

KarteFässer

Liebes X,
Türme kann man auch im Winter bauen und sich Nägel unter die Schuhe kleben. Und Salz werfen. Und es schneit ja nicht mehr.
Best,

Lena Keine Kommentare »

 

foto mit farbigem zitat. Abzug – Abzug. 12. Juli 2014

foto mit farbigem zitat. Abzug - Abzug.

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Penisdackel – über die Schönheit von Viren 1. Juli 2014

Die Welt wird doch besser, obwohl Marx & Co. als widerlegt gelten: Inzwischen gibt es bei Google einen (1) Treffer für “Penisdackel” – als Benutzername bei YouTube. Jahrlang führte die Suche in die Leere – nein: die Brache – ungenutzer Wortmöglichkeiten. Stets wurde einem nur “Nasendackel” empfohlen.

Frivoler Hoffnung suchte ich als nächstes “Arschreiher”. So viel besser wird die Welt offenbar doch nicht – wie bereits bei jeder Suchanfrage seit 2006 bin ich mit diesem Wort alleine im Universum, darf mich als sein Schöpfer fühlen und sein Wirt zugleich, außerhalb mir ist es offenbar nicht lebensfähig. Noch nicht vielleicht.

Ich müsste das Feld besser bestellen. Seeding nennt man das auf Werberdeutsch. Denn Worte wollen nicht nur einem Wirt dienen – es ist auch evolutionär fatal, sie wollen jedes sprechende Wesen infizieren. Wer ein Wort schöpft, schöpft einen Virus – einen optimal angepassten, denn er verkürzt die Lebensdauer seiner Wirte in den allermeisten Fälle nicht (sehen wir einmal ab von Diplomatie, Banlieu-Pöbelei und Beziehungsstreit). Der Wortvater (oder die Wortmutter) empfindet für seine Kreatur vermutlich ähnlich wie der Hacker, der gerade Loveletter fertiggeschrieben hat und nun zuschaut, wie es das kleine Ding in die ersten Betriebssysteme schafft. Ohne Rücksicht auf Verluste und im vollen Bewusstsein dessen, dass das Kind vom ersten Moment an ein Eigenleben führt, das der Kontrolle des Vaters entzogen ist und durch kaum etwas auf ihn rückschließen lässt.

Es ist vielleicht eine Lebensweise des Camus’schen Sysyphus, Wörter zu schöpfen: Man bietet dem Sinnfreien die Stirn, indem man sein Spiel spielt, anstatt es zu verleugnen. Umso mehr, je sinnfreier die Worte selbst sind.

Doch welches Wort hat schon Sinn, der ihm nicht immer wieder gegeben würde. Das ist wie Währung: ihr Kurs hängt vom Glauben an ihren Wert ab, ist eine soziale Konvention, stets in Wandel. Mein Gymnasialfreund Gerrit und ich benutzten stets das Wort “iffeln” als Joker in unserem Wortschaft, den wir so lange in verschiedenen Kontexten gebrauchten (“Angst iffelte sich in mir hoch”, “Das musst Du doch mal geiffelt bekommen”, “Er iffelte ganz abscheulich”), bis die Menschen in unserem sozialen Umfeld begannen, die Vokabel zu übernehmen – jeder mit anderem Sinngehalt. Wir waren überzeugt, “iffeln” erfunden zu haben – nun offenbarte mir der Leviathan aus Mountain View, dass iffeln ein altes deutsches Wort ist, das bedeutet “ein schadhaftes Eisen glätten” oder “Kleinigkeiten stibitzen”. Seit 1870 hat es aber wohl keiner mehr literarisch verwendet.

Vielleicht speißt sich die Schöpfung skurriler, fragiler Wörter ohne Not aber auch aus einem Übermaß an Mitleid mit allem, das keinen Fürsprecher hat – oder, oder und, aus der Freude am Wunder des Lebens, Neuem Existenz verleihen und es wachsend seine eigenen Wege gehen zu sehen.

“Penisdackel” macht seine ersten Gehversuche, hat sich erfolgreich in einem Geschwistergehirn festgesetzt, so fest offenbar, dass dieser Wirt das Wort als Insignium seiner Identität wählte. Es tut nichts zur Sache, dass es sich um einen Menschen handelt, dessen einziges Auftreten in der Öffentlichkeit sich bisher darauf beschränkte, ein Video von “Mütze Aldah” zu kommentieren. Wer Worte nach ihrer Aussage oder ihren Verwendern beurteilt, hat keinen Sinn für die wilde Schönheit der Evolution – und die Ausbreitung von Seuchen.

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was sich leugnen lässt – Straßenlyrik Idar-Oberstein 12. Juni 2014

was sich leugnen lässt

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was sich leugnen lässt

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In der Mitte ist kein Staub sondern feucht 10. Juni 2014

In unserem Garten stehen Nadelbäume, die wir natürlich „Tannen“ nennen, denn wir sind Kinder und auch das Wissen aus den Waldjugendspielen ändert nichts daran, dass die heimische Wildnis von ernsthaften Diagnosen ausgenommen ist. Die Tannen haben klar dünnere Äste als zum Beispiel die Blutbuche oder der Walnussbaum beim Nachbarn, aber wir klettern ja eh direkt am Stamm, also who cares, und dafür sind sie auch eher biegsam als brüchig. Man muss erstmal an den Stamm rankommen, die Äste wachsen ja bis zum Boden und man bekommt das ganze Gestrüpp ins Gesicht; die Nadeln sind angeblich von weichem Wuchs, zerkratzen uns aber trotzdem die Arme und Beine (damals trugen wir noch abgeschnittene Hosen und Sandalen). Ob wir bei den Tannen einen ebensofesten Pfad haben wie bei dem Laubgewächs. Man könnte meinen: Nein, aber ich erinnere mich vage an dieses vertraute Gefühl, wenn man Äste kennt. Auf jeden Fall geht es schnell, die Zweige sind ja dicht an dicht, wie gesagt, und wir stiegen ohne Weiteres auf zehn Metern Höhe, so ungefähr, so hoch wie unser Haus eben. Ich auf dem einen Baum, meine Schwestern auf dem anderen und über und unter mir. Da waren dann Blasen am Stamm, die man mit einem leisen Knacken eindrücken konnte, sie verspritzen oder bluten zumindest Harz aus, das dann nicht mehr abgeht von nichts, aber wir haben trotzdem immer versucht, es klebermäßig einfach zu Kügelchen zu rollen oder später mit Seife abzuwaschen, egal. Der Wind weht und der Gipfel wiegt sich leicht, während das eine Bein auf einem höheren Ast steht als das andere, eine Hand lässig am Stamm, selbst nur noch astdick, und unten die Nachbarn, die wie ferne Idioten auf der Straße herumspazieren.

A1:
a1 Hütte
A2:
a2 Hund
A3:
a3 Hütte
B:
B Gipfel
C:
C Äste

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wens 25. Mai 2014

wens

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ESCape 13. Mai 2014

Luftige Sonntagsreden
Liderlicher Volksdrogenkonsum
Schlägerhitparaden
Nie wieder Auschwitz
Nie wieder Stefan Raab
Höchstens zu Schulungszwecken

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Für Dinge passieren nicht bei Nähe 7. Mai 2014

Für Dinge passieren nicht bei Nähe

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