5. Mai 2013
Still leben
von Sophie Weigand
Mathilde hörte nichts. Kerzengerade saß sie auf der Kante eines alten Korbstuhls und beobachtete, wie sich ein Wassertropfen am Ende des verchromten Hahns sammelte und mit rasender Geschwindigkeit dem Becken entgegen strebte. Vermutlich verschwand er im Ausguss, schweigend und ohne viel Aufhebens. Hin und wieder huschte Mathildes Blick auch zur alten Standuhr aus Eichenholz, die, wie sie wusste, zu jeder vollen Stunde schlug. Die Zeiger wanderten über das Ziffernblatt, gemächlich und beständig. Still. Der Korbstuhl war schon alt, so ähnlich wie Mathilde, und sie registrierte mit wachsendem Unbehagen wie sich einige lose Enden des Korbgeflechts in ihren Körper bohrten, an ihr kratzten und nagten wie kleine Insekten, die man versehentlich auf einer Sommerwiese aufsammelt.
Draußen regnete es. Mathilde betrachtete, wie die dürren Zweige des Ahorns sich bogen, gepeitscht und getrieben vom Sturm. Sie nahm die Tropfen wahr, die mit voller Wucht gegen ihr Fenster prallten, es war wie ein kleiner Auffahrunfall. Getroffen und verwundet perlten sie hinab in Richtung Mauerwerk und versickerten dort als hätte es sie nie gegeben. Still. Dunkel erinnerte Mathilde sich an das Geräusch, das der Regen verursachte, wenn er seine feuchten Heerscharen gegen Fensterscheiben schmetterte. Ein gleichförmiges Trommeln, mal leiser und mal lauter. Langsam stand sie auf. Sie wusste noch, dass der Stuhl früher immer beleidigt geknarrt und geächzt hatte, wenn man sich von ihm erhob. Jetzt war er still. Schon seit einigen Jahren. Es war als verweigerte die Umwelt sich Mathilde ab sofort, als hielte sie es für vollkommen unnötig sich mit ihr in Verbindung zu setzen.
Die Welt spricht mit uns. Durch ein Vogelzwitschern, das Quietschen eines Möbelstücks, das Ticken einer Uhr, das Klirren von Geschirr. Mit Mathilde sprach sie nicht mehr. Manchmal fragte sie sich, woran das liegen mochte. Hatte sie sich etwa der Welt verweigert? Ein paar Mal vielleicht, aus Notwehr, in Situationen, in denen Rückzug die beste Verteidigung war. Niemals hätte sie damit gerechnet, dass die Welt sich auf diese Weise revanchieren würde. Nun schlurfte Mathilde durch ihre Wohnung, durch eine Wand aus Stille, so langsam wie ein Spaziergänger am Strand, dem jeder neue Schritt im Sand noch beschwerlicher scheint als der vorangegangene. Wie ein Taucher, der sich gegen Wassermassen zur Wehr setzend langsam voranstrebt.
Mathilde wusste gar nicht so genau, ob sie eines Tages einfach aufgehört hatte, zu hören oder ob die Welt still geworden war. Mathilde war allein und so hatte sie niemanden, den sie dazu befragen konnte. Wenn sie ihre schützenden vier Wände verließ, schien das Leben für alle anderen weiterzugehen. Sie überquerten in sich versunken regennasse Straßen, sie saßen mit verhärmten und gedankenvollen Gesichtern in Bussen und Bahnen. Aber sie sprachen nicht miteinander. Vielleicht hörten sie alle nichts, aber wagten nicht, einander darauf aufmerksam zu machen. Vielleicht überspielten sie alle die Lautlosigkeit ihres Daseins gekonnt, voll Scham, dass es ausgerechnet sie getroffen hatte. Sie rebellierten im Stillen.
Manchmal stand Mathilde vor ihrem Badezimmerspiegel und betrachtete ihr Gesicht. Die Falten, die sich in ihre Haut gegraben hatten als versuchten sie darunter etwas Wunderbares zu entdecken. Zeichen der Zeit. Wenn sie schon ihre Uhr nicht hören konnte, so entdeckte sie wenigstens jeden zweiten Tag ein Fältchen mehr, mal um ihre Augen, mal um ihren Mund, unter der Nase, neben der kleinen Einkerbung über ihrer Oberlippe. Ein leichter Flaum bedeckte ihre pergamentartige Haut. Sie versuchte zu lächeln, ihre makellosen Zahnreihen zu entblößen, die ihr Dr. Schnittwinder eingesetzt hatte, als die Welt noch Töne für sie hatte.
Manchmal öffnete sie den Mund und schrie. Sie spürte ihre Stimmbänder vibrieren, spürte, dass da etwas in ihr in Bewegung war. Aber gegen das Diktat der Stille blieb ihre Stimme machtlos. Dünn und hilfebedürftig wie ein ausgesetzter Hundewelpe schlängelte sich das, was einmal ihre Stimme war, an der Tapete entlang, vorbei am Türrahmen und unter der Wohnungstür durch ins Treppenhaus. Dort hallte ihr Schrei wider, dutzendfach. Und wurde von niemandem gehört.
Die Jury des Poesieschacht-Wettbewerbs zum Thema lautlos vergab den mit 100 Euro dotierten 1. Platz an Sophie Weigand mit folgender Begründung:
„Still leben“ überzeugte die Jury durch seine sensible Sprache. Sie verklärt nicht, stattdessen schöpft sie Poesie aus Details und ausgewählten Beobachtungen. In den atmosphärischen Bildern liegen Verschiebungen, die berühren, weil sie eine Wirklichkeit antasten. Ruhig und staunend nähert der Text sich der Differenz zwischen Stille und Lautlosigkeit, zwischen Wahrnehmen und Sein, und stellt dabei Fragen, die echt sind. In der Ruhe liegt eine Unsicherheit, die erschüttert, ohne einen völligen Orientierungsverlust gestatten zu können.
Lena · Kommentare (0) · Kategorien: Poesieschacht. (permalink)
4. Mai 2013
Eine Kirche
Wir leben leise, seit mein Mann verstorben ist, wir stehen oft an seinem Grab und werfen Blumen hin. Wir sprechen wenig, seit mein Mann verstorben ist, wir haben nichts mehr zu sagen, und, wir haben zueinander gefunden, seit mein Mann verstorben ist, die Kinder gehen nicht mehr zur Schule und waschen sich nicht mehr, wir sehen oft fern, aber stellen den Ton aus, wir wollen in Stille leben, seit mein Mann verstorben ist. Heute hat der Große den Jüngsten geschlagen, ich habe nichts gesagt, und der Kleine hat auch nicht geweint, keinen Mucks hat er gemacht, denn wir wollen andächtig sein, seit mein Mann verstorben ist, und unser Haus ist eine Kirche.
Die Jury des Poesieschacht-Wettbewerbs “lautlos” vergab den mit 50 Euro dotierten 2. Preis an Vessel mit folgender Begründung:
“Eine Kirche” ist selbst wie eine Kirche, in der noch das Denken zu laut erscheint, in der man doch laut “oh” sagen möchte, und in der man auch nicht leise denken kann. Die zentrale Frage, wie viel Leben man noch ertrüge nach einem schweren Verlust, klingt laut und unerbittlich aus diesen leisen Zeilen. “Eine Kirche” ist ein Text, der wenig erzählt und dennoch alles wesentliche sagt, und damit sowohl inhaltlich als auch sprachlich das Wettbewerbsthema beeindruckend umsetzt.
Sarah · Kommentare (0) · Kategorien: Poesieschacht. (permalink)
3. Mai 2013
Momentaufnahme
Der Himmel bricht über uns zusammen und wir denken, er streichelt unsere Köpfe. Widerwillig erblicken wir die Trümmer und setzen Zerstörung mit Schaffen gleich. Die Himmelskugel versagt ihrem Dienst und wir stülpen eine Plane über die Erde. Regen benetzt die leeren Gesichter, Regen färbt alles in die selben Farben. Das monotone Rauschen wird zur melancholischen Hintergrundmusik unserer Gedanken.
Gewissermaßen sind wir selbst schuld. Dass wir es nicht besser wussten, wusste keiner. Wir stellen uns erneut Fragen, um die letzten Antworten zu verdrängen. So laut wir sie hinaus schreien, noch immer tönt das Echo jener widerwärtiger Silben, denen wir die Existenz absprachen.
Und wenn wir uns taub stellten?
Ich reflektiere bedingungslos alles, was auf mich zukommt. Ich bin nicht gesichtslos, ich bin abstoßend. Ich wiege im Takt der taktisch eingespielten Musik. Bohrende Töne zermartern in ihrer vollkommenen Schönheit mein Bewusstsein und vergraben mich unter ihrer Unendlichkeit. Es vergehen die Fragen und auch die Antworten, man zählt nicht mehr in Tag und Nacht. Schmerzlich ist die eigene Präsenz und noch schmerzlicher die Kenntnis darüber. Ich greife nach den Sternen und verbrenne mich. Mein Atem ist nur eine weitere Bestätigung meiner Existenz und Funktionalität.
Ich ertrage die Lasten des Seins. Ich verschenke Wahrheit und sie stürzen sich darauf. Gierig wird an mir gezerrt, während ich in Trance noch dieser Melodie lausche, die sich wie ein Phantomschmerz über die Stille legt.
Das fleischgewordene Nichts, die akustische Unendlichkeit. Ich falle. Aber nicht wirklich. Denn man hört keine Schreie. Die Stille brennt in unseren Köpfen. Man hört keinen Aufprall, es gab keinen Aufprall.
Die Jury des Poesieschacht-Wettbewerbs zum Thema lautlos vergibt eine zweite unbepreiste Auszeichnung mit folgender Bergründung:
Dieser Text bekommt eine ehrenvolle Auszeichnung, weil er voller Potential steckt, das aber noch nicht richtig ausgearbeitet wurde. Gelbeswunder hat die Jury mit ihrer Sprachgewalt und ihren kunstvoll ausgearbeiteten Sätzen beeindruckt. Sätze wie “Ich greife nach den Sternen und verbrenne mich” bleiben im Gedächtnis, und der Rhythmus des Textes überzeugt. Bei einigen Sätzen haben wir uns aber gefragt, ob die Formulierung nicht konkreter sein könnte, manchmal schien hinter der sprachlichen Eleganz nur eine Leere zu sein. Wir sind aber davon überzeugt, dass diese junge Autorin viel in sich hat. Weiter so!
Joost
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2. Mai 2013
Todesstille
von TrekanBelluvitsh
Es war ein Risiko, dessen war er sich bewusst. Einen halben Tag lang hatte er sie beobachtet und ihre aberwitzige Korrektheit war ihm bereits nach zwei Stunden aufgefallen. Wie aberwitzig in diesen aberwitzigen Zeiten. Darum hatte er beschlossen, sie zu umfahren. Einen ganzen Tag hatte das gedauert. Und nun lagen sie hier und warteten. Die anderen vertrauten ihm, aber was blieb ihnen auch anderes übrig. Nur er hatte aus ihrer kleinen Welt nach draußen geblickt.
Sie vertrauten ihm, ein jeder still auf seinem Platz.
Zumindest das musste nicht befohlen werden.
Wo ihre Gedanken waren, wusste er nicht, wollte es auch gar nicht wissen, denn schon allein die Gerüche – süßer Schweiß, Motorenöl, Diesel, verschimmelte Lebensmittel und Kleidung, frisches Kondens- und abgestandenes Bilgenwasser, Furcht – drohten seinen Verstand zu vernebeln. So atmete er nur flach um all das zumindest ein wenig ignorieren zu können. Mochten sie doch denken, was sie wollten. Hauptsache, sie blieben auf ihren Plätzen und taten, was man ihnen beigebracht hatte.
Stille.
Ab und zu ein Husten, mehr nicht.
Er musste den Drang unterdrücken, ihre Position zu überprüfen, was auch unsinnig gewesen wäre. Da war nichts zu überprüfen. Er hatte längst getan, was es zu tun gab. Ein halbes Dutzend Mal hatte er gerechnet:
Ihre Geschwindigkeit, unsere Geschwindigkeit. Zurückgelegte Strecke, Drift, tatsächlich zurückgelegte Strecke über Grund. Zeit.
Die Zahlen halfen, gaben ihm Sicherheit, doch das änderte nichts daran, dass seine Berechnungen eigentlich nur eine Schätzung waren. Kalter Schweiß stand auf seiner Stirn, doch zum Glück konnten die anderen das nicht sehen, weil er die weiße Mütze tief in die Stirn gezogen hatte.
Immer noch Stille.
Nichts als das Atmen von 43 Männern.
Mussten sie so laut atmen? Verdammt!
Er wagte es nicht, auf die Uhr zu blicken. Wie lange warteten sie schon hier, lagen auf der Lauer nach einer Beute, die vielleicht niemals kam? Sie würden ihn nicht auslachen, so viel Mut hatte selbstverständlich niemand, aber sie wären bitter enttäuscht. Wie konnten sie auch ahnen, dass er sich sehnlichst wünschte, er würde sich irren. Jedoch er war gut, war zu gut, in dem was er tat. Außerdem war er ein Heuchler. Er wollte das alles nicht, tat es aber dennoch, weil er mehr Angst davor hatte…
„Peilung auf 273 Grad!“
Er nickte.
„Frage Uhrzeit?“
„18.02 Uhr.“
Er hatte sich nicht geirrt. Sechs Uhr hatte er gesagt, obwohl auch das mehr eine Schätzung gewesen war. Es war sechs Uhr und sie kamen, liefen direkt auf sie zu. Was für eine aberwitzige Korrektheit. Nur ein Schlag nach Backbord oder Steuerbord mehr und sie wären jetzt ganz weit weg. Aber so? Keine Chance.
Das Dröhnen kam näher, war bald auch schon mit bloßen Ohren zu hören. Da war das Stampfen der Dampfer, das wie immer monoton und schwerfällig klang, dessen Regelmäßigkeit aber Vertrauen einflößte oder das schnelle Surren, verursacht durch Dieselantriebe. Und da war das hohe Pfeifen der Turbinen. Er mochte es nicht Singen nennen, denn dann wäre es für sie ein Todesgesang.
Die anderen wurden nervös, das konnte er ihnen ansehen, weil sie immer wieder zu ihm blickten. Aber er wartete, denn er war ja so verdammt gut in dem, was er tat.
Schließlich, das Dröhnen drohte unerträglich zu werden und er war sicher, dass sie über ihnen waren, befahl er:
„Auf Periskoptiefe! Schleichfahrt! Rohr eins bis vier bewässern!“
Einige Augenblicke später kamen die leisen Bestätigungen.
„Boot ist auf Periskoptiefe. Boot macht Schleichfahrt. Rohr eins bis vier sind bewässert.“
„Periskop ausfahren!“
Er drückte seine Augen gegen die Wulst der Optik. Die See war spiegelglatt und die dröhnenden Schatten zogen vor seinen Augen in westliche Richtung. Die Männer auf ihnen ahnten nichts. Vielleicht spielten sie Karten, schliefen oder reparierten irgendein verdammtes Ventil, das ihnen schon seit dem Auslaufen Kummer bereitete. Alles umsonst.
Er hatte ein Ziel gewählt. Der Mond schien so hell, dass er sogar den Namen lesen konnte: Asgard. Heimat der Götter. Ein norwegischer Frachter. Bald keine Heimat mehr.
Geflüsterte Befehle, Einstellungen, die an den Torpedos vorgenommen wurden.
Mündungsklappen öffnen.
Torpedos los!
Das Boot bäumte sich auf, als die metallenen Todesboten summend die Rohre verließen, doch der Leitende Ingenieur, ein sehr erfahrener Mann, ließ es rasch wieder trimmen, damit der Bug nicht die Wasseroberfläche durchstieß.
„Auf 80 Meter gehen! Kurs Zwo-Sieben-Null!“
Alle warteten gespannt. Die Stoppuhren tickten. Er hoffte inständig, aber er wusste, dass er nicht daneben geschossen hatte. Die Explosion zerriss die von den Elektromotoren angetriebene Stille. Er ging an den Kartentisch, griff nach dem Zirkel und starrte angestrengt auf das Blatt Papier vor ihm, damit die anderen sein Gesicht nicht sehen konnten. Die Männer nannten das ‘die Marotte des Alten’, das wusste er. Knirschend und stöhnend brachen die Schotten der Asgard, Metall jaulte und dann… nichts.
Sie hatten sie nicht gefunden. Die Eskorten mit ihren modernen Turbinen hatten das U-Boot wie wilde Rächer gesucht, gejagt und verloren. Im wilden Zickzack war es entkommen. Nach fünf Stunden Schleichfahrt war das U-Boot aufgetaucht. Der Konvoi war längst hinter dem westlichen Horizont verschwunden. Nun liefen sie mit Alle-Kraft-voraus ihrer fliehenden Beute hinterher und in den Morgen hinein. Das angestrengte Wummern der Diesel hatte zusammen mit dem Erfolg der vergangenen Nacht eine elektrisierende Wirkung auf die Männer. Der Kommandant saß auf seinem Platz und hatte den Vorhang zugezogen. Nach einer Weile kam der Erste Wachoffizier.
„Asgard. 8.724 Bruttoregistertonnen. Das nennt man wohl einen fetten Brocken.“
Der junge Offizier verschwand mit einem Lächeln. Zurück ließ er einen Kommandanten, der, wenn er in sich hineinhorchte, nichts mehr vernahm.
Die Jury des Poesieschacht-Wettbewerbs zum Thema lautlos vergab den geteilten, mit je 25 Euro dotierten 3. Platz an TrekanBelluvitsh mit folgender Begründung:
TrekanBelluvitsh ist es gelungen, dem Thema „Lautlos” auf schlichte Art und Weise eine originelle Wendung zu geben. Am Anfang der Geschichte wird der Kommandant auf treffende Weise eingeführt, indem wir gleich etwas über seinen Charakter erfahren. Die Situation ist dem Leser jedoch nicht sofort klar, was für einen Überraschungseffekt sorgt. Der nüchterne Stil trägt zur Überzeugungskraft des Textes bei. Vor allem der letzte Satz gibt der ganzen Geschichte nochmal eine unerwartete, ethische (aber nicht übertriebene) Bedeutung. Herzlichen Glückwunsch!
Joost
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1. Mai 2013
Türkise Liane
von Regine
Als ich auf den grün leuchtenden Knopf gedrückt habe, hast Du gleich reagiert,
denn unser Gespräch war abgesprochen. Wir sagten kurz „Hallo“, und
wechselten dann schnell nur noch in die Textfunktion. Du findest es nämlich
komisch, wenn ich rede. Das ist nicht so grausam, wie es klingt. Denn ich
weiß, dass Du es auch komisch findest, wenn Du redest. Wenn wir reden.
Ich hab so gern Dein Gesicht vor mir. Ich hörte gern Deine Stimme. Nun ist der
Ton aus, und die integrierten Kameras richten sich erst auf unsere Nabel, dann
auf unsere Augen. Ich lehne mich zurück, denn das möchtest Du. Lautlos gabst
Du mir auch zu bedenken, dass es gut wäre, mein T-Shirt auszuziehen.
<<Was, wenn ich es tue?“ tippe ich, mit zitternden Fingern.
<<Kannst Du es einfach machen?“
<<Ich will, dass Du Deins auch ausziehst!>>
<<Wirklich?>>
<<Ja.>>
Ich atme tief und regelmäßig und lehne mich zurück. Du fängst an, es
auszuziehen- crash, keine Verbindung mehr. Ich lehne mein Kissen zwischen
mich und die Wand, jederzeit bereit, einzuschlafen.
Du bist wieder online.
>>Siehst Du? Selbst skype will das nicht sehen!>>
>>So ein Quatsch!<<
Du ziehst es aus. Ich kenne jede Falte und jedes weiche Hautteil Deines
Körpers. Ich weiß genau, wie es sich anfühlen würde. Ich lächle trotzdem nur,
weil ich Dein Gesicht sehen kann. So groß ist der Bildschirm. So still ist es hier.
Während Du Bewegungen tippst, die ich vollführen soll, sehe ich tiefer hinein in
Deine Falten am Bauch. In die Löcher Deiner Ohren. Die Auflösung deiner
Kamera ist so schlecht, dass ich kein einziges Haar erkennen kann, aber ich bin
eine tapfere Taucherin in imaginären Gewässern. Ich gehe einfach am kühlen
Brachwasser hinab ganz runter in Deine klirrenden Grundtiefen, denn auch ich
kann in Dich eindringen, dass es Dir weh tut. Während Du noch beschreibst,
wie Du mich nehmen kannst, bin ich schon längst in Dir drin. Schabend,
kratzend, explorierend. Krabbelnd, wie ich es mir wünschte, nicht hoppelnd,
stoßend. Du kannst mich nicht verräterisch stöhnen hören, denn der Ton ist ja
aus. Ich bin ja auch schon längst in der Tiefsee, wo man keinen Laut mehr
vernimmt. Mein Headset mit den Ohrmuscheln und dem Mikrophon wird zum
Kopfschutz und Atemgerät in meinem heimlichen Unterwassergang in Dir. Ich
seh ganz dunkle Herzen dort, drei, vier, fünf, nicht nur eins, das Du mir jetzt
schon verschweigst. Ich sehe noch einige vielfache Deiner stummen Wunden.
>>Are you still there?>>
>>Ja, ja. Was soll ich als nächstes tun?<<
>>Dreh Dich um.<<
Ich dreh mich um. Ich sitze gebückt mit gespreizten Beinen, wende Dir meinen
Hintern zu. Ich kann Dich nicht sehen- kein Schlupfloch, keine Falte. Ich sehe
nur meine Füße durch meine eigenen Beine hindurch- und dann- einen blauen
Tamponfaden. Ich hab meine Tage, in echt nämlich. Jetzt weißt Du es auch.
Und jetzt seh ich Dein Gesicht. Deine Nase wird gebrochen durch das helle
Türkis des Fadens. Ich seh Dein Nasenloch, Du mein Poloch. Ich schwinge mich
an dem Faden in deines hinein. An meiner kleinen Zehe stütze ich mich ab.
Hija! Ich bin doch wieder in Dir!
Die Vielfachen sind ledern und zäh. Ich stoße meinen Körper durch sie
hindurch.
>>Weißt Du eigentlich, dass es anstrengend ist, in Dir zu sein?>>
>>Was?>>
>>Nichts. Go on. >>
In mir zuckt es. Der Faden ist ziemlich stabil, noch, doch ich weiß, wenn ich
mich zu tief in Dich wage, ziehe ich zu sehr an mir selbst, und dann verletze
ich mich entweder, zerreiße mich oder ich werde aus Dir raus katapultiert. Oder
schlimmer- es gäbe keinen Weg zurück. Also nehme ich die Mission auf
Zehenspitzen wahr, so sanft wie man auf Meeresgründen eben laufen kann,
ohne die Bodenhaftung zu verlieren. Ich will in Dir nicht noch mehr brach
machen, es ist schon genug wüste Tiefe um mich herum, stürmische Gewässer,
die Dich nachts nicht schlafen lassen und mich auch nicht, weil Du nach mir
verlangst.
Wenn Du mich stumm schaltest, kannst Du mich ansehen, und dabei in Dir
selbst versinken. Hier begegnen wir uns aber nie. Nur ich dem schwarzen
Schlamm, den ich in Metamorphosen, die der Tiefenrausch mit sich bringt,
manchmal für Deine Vielfachen halte. Wie die bunten Blasen einer purpurnen
Lava-Lampe. Ich wünschte, ich könnte sie blubbern hören. Ohne Ton sind sie
bedrohlich. Lava-Lampen dürfen auch nicht umfallen. Was ist das? Mein Fuß
scheint für einen Moment einzubrechen. Zu tief zu rutschen. Das ist mir zu
weich hier.
>>Hast Du meinen Faden gesehen?>>
Ich bin aufgeregter beim Tippen als bei der Erregung vorher. Ein Wunder, dass
es mir gelingt, alles richtig zu schreiben. Oder bilde ich es mir nur ein?
>>Ja.<<
>>Ich schäme mich.>>
>>Don’t.>>
Die Jury des Poesieschacht-Wettbewerbs zum Thema lautlos vergab den geteilten, mit je 25 Euro dotierten 3. Platz an Regine mit folgender Begründung:
„Türkise Liane“ näherte sich dem Wettbewerbsthema über ein ungewöhnlich gewagtes Szenario, das diverse Facetten der Lautlosigkeit ins Licht taucht. Es gibt einen Rückzug in die Lautlosigkeit, aber auch das Schleichen ihr. Eine Schutzfunktion, die sich selbst manipuliert und aufhebt. Der Text verleiht Ungesagtem auf verschiedenen sprachlichen Ebenen eine Stimme, die unentwegt zu nahe zu treten scheint. Es entsteht ein Moment, das über die Lautlosigkeit des Zwischenmenschlichen und das Innere hinausgeht.
Lena · Kommentare (1) · Kategorien: Poesieschacht. (permalink)
30. April 2013
kopf, gewitter, nacht
im licht der blitze zuckt die vorstadt träge.
verstummt die stimmen, die am tag hier wohnen,
verwaist die omnivoren dreißig-zonen.
ein eisengitter zählt die hagelschläge.
die aufgerauhte luft verbellt das grübeln.
der donner reibt die häuser in den grund.
der parkscheinautomat schlägt blasen und
der sturm sucht deckung hinter blumenkübeln.
ein spätheimkehrer kübelt in die blumen
und wirft sich dann zum schlafen in den wind.
die dinge bleiben heute wie sie sind.
die straße ist ein werwolf aus bitumen.
der tut nichts. der will auch nicht spieln. der schaut bloß.
der donner macht den krach. der blitz ist lautlos.
Zum Poesieschacht-Wettbewerb “lautlos” hat die Jury beschlossen, neben den bepreisten Gewinnertexten zwei weitere Texte aus purer Freude an der Unterschiedlichkeit der Einsendungen und der resultierenden Lesefreude rühmlich zu erwähnen. So geschehen mit dem von Owald eingesandten Gedicht:
“kopf, gewitter, nacht” nähert sich dem Wettbewerbsthema gar so hinterlistig: Die zugleich arglos und lakonisch beschriebene Szenerie ist beherrscht vom Wüten eines Sturmes mit all dem Lärm, den ein Sturm so produziert. Doch werden Hagel, Wind und Donner durch den Gang des Reims dem Leser recht melodisch zugetragen, so daß dieser sich, die Augen reibend, auf die Bilder konzentrieren kann. Denn die Bilder, die das Gedicht malt, bleiben hängen, wirken nach, als hätte der lautlose Blitz ganz höchstpersönlich sie in die Köpfe der Jury eingebrannt…
Für dieses Leseerlebnis danken wir dem Autor recht herzlich!
Sarah · Kommentare (0) · Kategorien: Poesieschacht. (permalink)
21. April 2013
Es geht nicht um das wie, sondern um das wann
Ihr stellt ja irgendwie die Frage nach dem Wesen der Welt: ob man ihr als Schreibender mit seiner Art zu schreiben einen Götzendienst erweist, ob sie überhaupt wahr ist, und ob ihr gehuldigt werden muß…
Die Welt aber hat kein Wesen als jenes, das der Mensch empfinden oder das er noch weiter von seiner Empfindung abstrahieren kann. (Denn schon die Empfindung ist auch eine Abstraktion dessen, was geschieht.) Jede Wahrheit ist subjektiv, und weder Sein noch Werden finden außerhalb einer Rezeption statt. Der Mensch, und damit der Schreibende, ist durch und durch sozial, ist durchdrungen von Sprachlichkeit, kein menschliches Werden kann außerhalb der Sprachlichkeit stattfinden. Vielleicht ist ebendies das menschliche Dilemma: Daß Unmittelbarkeit für den Menschen nur in der Annährung existiert. So ist dem Menschen das Mittelbare ebenso immanent wie die unerfüllbare Sehnsucht nach dem unmittelbaren Erleben. Der Reiz (im Empfinden) des Mittelbaren ist in seiner menschlichen Eigentlichkeit begründet, er ist somit ebenso annähernd unmittelbar wie das sinnliche Erleben. Der Reiz der Abstraktion liegt nämlich mitnichten im ungeschickten Versuch, den Tod zu überwinden…
In einer medial überwucherten Gesellschaft ist die Idee, die unmittelbar sinnliche Wirklichkeit allein als wahrhaftig gelten zu lassen, zugegebenermaßen sehr anziehend. Doch die Idee, das Geschriebene überhaupt an der Welt zu messen, ist absurd. Es kann, wenn überhaupt, nur am Schreibenden gemessen werden. Es ist ja schwierig (auch aus ebendiesen Gründen), heute noch einen Imperativ zu formulieren… Wenn wir das Schreiben am Schreibenden messen wollen, bleibt uns nur, die naturalistische Frage zu stellen: Wie ist der Mensch an sich, und wie muß er schreiben, um wahrhaftig menschlich zu schreiben? Denn nur wenn er seiner subjektiven Position in der Welt gerecht wird, mit ihr versöhnt ist, kann er der Welt an sich gerecht und mit ihr versöhnt sein. Die Antwort ist einerseits zeitabhängig, weil sich die Lebenswirklichkeit des Menschen stetig verändert. Was sich aber nicht verändert, ist die menschliche Realität der Mittelbarkeit. Ihr Reiz darf der Grund des Schreibens sein. Doch es mag ebenso sein, daß die Beschreibung des Sinnlichen, um des Menschen Sehnsucht nach dem sinnlichen Erleben gerecht zu werden, zu einer Zeit t angebrachter ist als die fiktionale Abstraktion. Daher braucht alles Geschriebene seine Zeit, um wahrhaftig zu sein.
Sarah · Kommentare (4) · Kategorien: Aphorismen und Essays,Lyrik,Naturwissenschaft,Philosophie. (permalink)
15. April 2013
“Kunst entsteht aus einem Mangel” – eine Hoffnung
Keine Versöhnung mit der Gegenwart, denn gegenüber dem unwahren Ganzen kann keine Utopie Lüge sein. Künstler schaffen Möglichkeiten und damit Welten, denn was einmal einen Kopf verließ, kann genauso wenig zurückgenommen werden wie ein gewachsener Baum an irgendeinem Ort. Da jedes Denken dennoch eine materielle Basis hat, hat auch die Utopie ihren Weltbezug und kann auch in der Verneinung keinen anderen Ausgangsgegenstand als die gegenwärtige Welt haben.
Die zum Mythos gewordene Aufklärung und die archaischen oder klassischen Epen legitimieren alle Gesellschaft und versöhnen mit der Welt. Wie die Spiegelungen in Göttergestalten spendet der Positivismus auf der Suche nach dem „Sein“ Erklärung und Trost. Der Widerspruch ist nur ein scheinbarer und wo sie ihr Ziel erreichen, sind beide Feinde der Kunst.
Kunst, die über Können hinaus geht, hat mehr Wahrheit als das große Ganze, Sein, oder wie auch immer man gerade den alles beherrschenden Weltgeist, mit dem man im Geist Nietzsches und Heideggers auf Tuchfühlung gehen will, nennt. Ihre Wahrheit ist eine subjektive, und wenn es ihr gelingt, hervorzuheben, worin das Individuum eben nicht im Ewigen aufgeht, trägt sie letztendlich immer auch den Funken zur Überwindung des Todes als Quintessenz jedes utopischen Denkens mit sich.
Der nur mit dem Tod zu überwindende Bruch zwischen Individuum und dem Ewigen hält also neben dem „Sein zum Tode“ (Heidegger) auch den Antrieb zum Utopischen, der Grundlage aller Kunst mit autonomem und transzendentem Charakter, in der immer auch das Verhältnis vom Individuum zur Welt eine Rolle spielt, bereit.
Wer beim Sprechakte analysieren das Zuhören verlernt hat, hält jeden Ausdruck des Besonderen für Wahnsinn. Der von Freiheit singende Vogel im Bauer kann von den sich um den Futternapf streitenden Spatzen in der Voliere nur für verrückt gehalten werden und trotzdem ist er der Wahrheit näher als diese.
Stefan · Kommentare (7) · Kategorien: Aphorismen und Essays,Blog,Kunst,Leben,Philosophie. (permalink)
10. April 2013
Lob dem Mythos – eine Entgegnung
Der Welt keinen Götzendienst erweisen: ewig währt die Fantasie! Wirklichkeit ist nur der Grund, aus dem sie sprießt. Immer aufs Neue. Seit Menschengedenken. Die ältesten literarischen Dichtungen sind Epen. Gilgamesch auf der Suche nach der Unsterblichkeit. Die Achaier vor Troja. Telemachos auf der Suche nach seinem Vater Odysseus. Was bleibt, sind die Geschichten.
Unsere Kultur ist aus dem Mythos gewachsen. Sie setzt sich an ihm fort. Erwachsen wird sie nie. Denn was für uns Welt ist, war für ihn immer schon Geschichte (das Gewordene zuerst, nicht das Wesen). Wir sind die Blätter an seinen Zweigen. Frühling ist, wenn wir grünen – Sommer, wenn wir Früchte tragen – Herbst, wenn wir fallen. Jetzt ist nur der Übergang von Früher zu Später – das Hiersein nur ein Zwischensein – die Liebe nur eine Sehnsucht.
Als Künstler erschaffen wir die Welt – als Sehende das Bild – als Erzählende uns selbst. Die Erzählkunst hat sich seit jeher gegen das Vergessen gewandt, gegen den Tod. Der Mythos hat in ihr sein Leben. Unsere Fantasie webt ihn fort. Die Erfindung überdauert die Existenz. Scheherazade darf weiterleben.
Nietzsche schrieb auch von der Kunst als dem „guten Willen zum Scheine“, vom Dasein, das als „ästhetisches Phänomen immer noch erträglich“ sei, von der Welt, die wir uns „zurechtgemacht“ hätten, und von den Dingen, an denen wir „immerfort malen“.
Robert · Kommentare (1) · Kategorien: Aphorismen und Essays,Kunst,Leben,Philosophie. (permalink)
7. April 2013
versöhnt schreiben – ein Programm?
Der Welt huldigen, indem man genau beobachtet und festhält, „verewigt“. Nicht sich selbst, sondern Momente, individuelle Erscheinungen, Atmosphäre: eine Verneigung vor dem Ephemeren. Ohne Narzissmus, sondern mit Liebe, Zärtlichkeit und etwas Melancholie: Der Autor ist versöhnt, die Hommage an das Flüchtige, mit der er es erhaschen und festhalten möchte, ist das Einzige, was er sich von der existenzialistischen Auflehnung gegen die Vergängnis, von der menschlichen Obsession mit dem „Sein“ bewahren mag. (NB: Diese Mission ist ihm auch das verbleibende Reservat der statischen Künste – Literatur, Malerei, Fotografie, Plastik.)
Nicht erfinden, nicht chiffrieren, sondern aufnehmen, festhalten (outside in, nicht inside out).
Die Fiktion hingegen ist realitätsfeindlich – sie lehnt die Welt ab und erfindet eine andere, als Flucht oder Utopie. Die erdichtende Erzählkunst (die sich außerhalb der “Funktionsliteratur” Minnesang, Gleichnis, Legende und Satire befindet) trat ihren Siegeszug erst an, als Verstädterung und entfremdete Arbeit die künstliche Trennung zwischen Mensch und Welt – Uneigentlichkeit und Mittelbarkeit – zur vorherrschenden Lebenserfahrung gemacht hatten.
Die die Welt und das Leben nicht mehr besingen und verewigen können, weil sie sie nicht mehr sehen, schaffen sich damit Surrogate – das Geplapper des Papageis im Käfig. Nietzsche befand früh: „Die Dichter lügen zuviel.“
Jan · Kommentare (0) · Kategorien: Aphorismen und Essays,Kunst,Leben,Lyrik,Philosophie,Prosa. Schlagwörter:Inspiration — (permalink)
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