31. Januar 2012

Hippietopia – wenn man Deutschland seiner Jugend überlässt


Drama für eine Person und keinen Erzähler.
NAMENLOSER CHEF
SPRACHLOSER BEWERBER
KEIN ERZÄHLER
Wir schreiben das Jahr 2053. Zum ersten Mal in der Geschichte grüßt ein langhaariger Mann von der Spitze der Bundesregierung. Harry Langeloff ist mittlerweile in seiner zweiten Amtszeit Bundeskanzler. Angela Merkel ist inzwischen vierzig Jahre im Ruhestand. In Hippie-Deutschland ist seitdem einiges besser geworden.
Im Jahr 2024 wurde die Wehrpflicht abgeschafft, statt einem Grundwehrdienst wurde ein Sozialdienst eingeführt. Drei Jahre lang alten Omas beim Einkaufen helfen, oder kleinen Kindern mit Darmviren den Dünnpfiff vom Hintern wischen ersetzen sechs Monate Platzpatronenschießen.
Die für beide Geschlechter greifende soziale Pflicht hat damit das Problem der Unterversorgung in den Einrichtungen des Gesundheitswesens behoben. Die jungen Menschen gewinnen auf diesem Wege Lebenserfahrung und lernen, dass sie den Anteil ihres Lebens, den sie körperlich bei Kräften verbringen, unbedingt genießen müssen. 2034 wurde mit der Pensionierung des letzten Generals zu Guttenberg die Bundeswehr offiziell abgeschafft. Seitdem ist die Bundesrepublik ein grenzoffener, entmilitarisierter Staat.
Die Grünen benannten sich 2043 zur Hanfpartei um, woraufhin sie 2045 erstmals eine klare Zweidrittelmehrheit im Bundestag stellten. Bundeskanzler Langeloff verkündete 2050 bereits im zweiten Jahr seiner Amtszeit, dass die Arbeitslosenzahl auf Null gesunken ist. Alle verfügbaren Kräfte würden in der Hanfproduktion eingesetzt.
Außerdem gibt es kein Geld mehr. Die Bundesrepublik ist ein kommunistischer Musterstaat geworden: Jeder nimmt sich, was er braucht. Alle Bankmanager wurden nach dem Zusammenbruch des Kapitalismus wohltätigen Arbeiten im Bereich der Abwasseraufbereitung zugeteilt.
Allerdings ist Deutschland mittlerweile auch ein sehr inländerfeindlicher Staat geworden. Drogengegner und Antialkoholiker werden diskriminiert. Der Staat kann mangels einer bewaffneten Polizei nicht eingreifen. Immer wieder kommt es zu Übergriffen auf Menschen mit klarem Verstand. Erst vergangene Woche wurden zum wiederholten Male Demonstrationen für das Recht, den sozialen Dienst am Menschen zu verweigern, blutlos von genervten Anwohnern mit Fliegenklatschen niedergeschlagen.
Und unter diesen Umständen bewirbt sich Henry S. um einen Job beim staatlichen Autobauer Sklavenwagen.
NAMENLOSER CHEF: (Er betritt den Raum. Grinst freundlich, als stünde er unter Drogeneinfluss. Ein Kabel verläuft vom Laptop in seiner Hand direkt an seinen Kopf. Das Gerät piept und er wird augenblicklich ernst. In belehrendem, juristisch trockenen Ton spricht er.)
„So Herr S., wie Sie sicherlich wissen, wird dieses Bewerbungsgespräch zum Zwecke einer Speicherung in der allgemeinen Datenbank der deutschen Unternehmen per Video aufgenommen. Nach §11 des Antiterrorgesetzes wird Ihr Gesicht in voller Detailansicht belassen, um Sie als potenziellen Attentäter auf Überwachungsaufnahmen identifizieren zu können. Im Falle einer Unschuld werden Sie selbstverständlich nicht strafrechtlich verfolgt. Ihr voller Nachname wird zum Schutze Ihrer im Grundgesetz verankerten Persönlichkeitsrechte im Verlaufe dieses Gespräches nicht genannt werden.
… (Sein Gesicht hellt sich auf, für eine Sekunde erkennt man menschliche Regung, man sieht Traurigkeit. Plötzlich ergreift ein neuer Algorithmus offensichtlich Besitz von ihm und er wirkt aufgesetzt freundlich.)
Gut, dann lassen Sie uns beginnen. (Er wirkt jetzt fröhlicher.)
Wo sehen Sie denn Ihre Zukunft?
… (Er klingt interessiert.)
Aha. In der kommunistischen Autoproduktion? Das ist schon mal gut und passt in unser Konzept.

Ahum… (Die Netzwerkverbindung lahmt, mühevoll überbrückt er die Ladezeit der nächsten Frage.)
Das war schon immer Ihr Traum?

Nun gut, das ist erstmal nicht verkehrt, ich hoffe jedoch, dass Sie flexibel reagieren können, falls wir kurzfristig die Branche wechseln müssen, um einen anderen Bedarf zu decken. (Er spricht wieder flüssiger.)

Achso, das bekommen Sie schon hin? (Pädagogisch geschult, strickt er sein Opfer in ein Lehrerecho ein und zieht an den rhetorischen Fäden.)

Sehr gut. (Er wirkt jetzt überlegen.)

Welche Qualifikationen bringen Sie denn mit?

Okay, ein Literaturstudium ist erstmal eine ziemlich gute Voraussetzung. Dann werden Sie das Produkt ja rhetorisch wertvoll an den Kunden bringen können. Ausgezeichnet. Da wäre allerdings noch ein Punkt: In Ihrem Lebenslauf steht, dass Sie noch nie unter Drogen standen? (Hochnäsig und in Frage stellend.)

Sie halten klare Sinne für produktivitätssteigernd? Das ist wirklich bedauerlich. Verstehen Sie denn nicht? Leben ohne Drogen ist wie stundenlanger Geschlechtsverkehr ohne Viagra: Eine Qual. Sie sollten Ihre Einstellung diesbezüglich dringend ändern, wenn Sie tatsächlich an einem Arbeitsverhältnis mit dieser Firma interessiert sind.
… (Er verlässt den Raum und kommt mit einer alten Frau Mitte dreißig wieder, deren Augenringe an die Stelle von Wangen getreten sind.)
So, meine Sekretärin hat hier eine Reihe von altertümlichen, leichten Drogen vorbereitet. Wir möchten damit Ihre Bereitschaft zur Selbsthingabe überprüfen. Sie haben die Wahl: Dies hier ist eine Flasche Bier, ein Rauschmittel aus den Kirchen des Mittelalters. Man behauptet damit machten die Mönche ihre Sünden vergessen. Außerdem können Sie wahlweise diese Zigarette mit Nikotin, diesen Joint oder diese Halluzinogenmischung hier rauchen. Als letzte Möglichkeit, ihr Engagement zu beweisen, steht Ihnen hier Ecstasy zur Verfügung. (Er bietet die Drogen auf einem Tablett dem SPRACHLOSEN BEWERBER an. Er ist merklich angeheitert.)

Oh, Sie wollen gleich eine Kombination aus allen konsumieren. Na das ist ja prima. Dann kann ich Sie hiermit beglückwünschen: Sie haben den Job! (Er ist begeistert und in Feierlaune. Sein Laptop zügelt ihn allerdings und ordnet mehr Gefasstheit an.)

Gut, Herr S., dann freue ich mich sehr, dass ich Sie als jungen Menschen und eine der letzten freien Kräfte auf dem Sklavenhandel für unser Projekt «Hanfwind» gewinnen
konnte. Wir erstreben, schnellstmöglich das erste hanfbetriebene Automobil an den Deutschen zu bringen, das einen wirksamen Anteil seiner Abgase direkt in die Fahrerkabine leitet und so den Straßenverkehr für immer befrieden könnte.
… (Er reicht dem BEWERBER die Hand und wirkt sehr zuversichtlich. Erneut erfasst ihn eine weitere Welle juristischer Trockenheit und er rezitiert das Kleingedruckte des Arbeitsvertrages.)
Ich hoffe, Ihnen ist bewusst, dass Sie sich mit der Unterzeichnung dieses Vertrages verpflichten, in Ihrer Freizeit ins soziale Engagement zu gehen. Wir erwarten, dass unsere Mitarbeiter mindestens 99,436% ihrer arbeitsfreien Zeit in sozialen Einrichtungen wie Supermärkten verbringen, um sicherzugehen, dass jeder sich nur das mitnimmt, was er braucht. Wir hängen im 3-­‐Tages-­‐Plan in der Regel ziemlich hinterher, wo das nicht gewährleistet wird. Also geben Sie Ihr Bestes, ich freue mich. Danke!“ (Der Vertrag wird unterzeichnet und der Raum wird dunkel – merkliches Entsetzen ziert die Stille und der Schrecken dieser Vision versetzt das Publikum zurück ins Jahr 2009. Spürbar belehrt verlassen die Menschen den Saal. Alle haben sich heute vorgenommen, die Welt zu verändern, keiner wird es tun. 2053 wird man von der Weitsicht dieser Vision sprechen.)

Florian · Kommentare (9) · Kategorien: Allgemein. (permalink)


 

26. Januar 2012

mankind constructing


Lena · Kommentare (1) · Kategorien: Fotografie, Lyrik, Musik, Politik, Straßenlyrik, Zitate. (permalink)


 

25. Januar 2012

Ein lang geplanter Gedankengang


(Titel bezieht sich auf Franz Kafka “Der plötzliche Spaziergang”)

Manchmal sind Ausbrecher krank. Ursächlich dafür ist in der Regel jedoch nicht die Handlung des Ausbrechens, sondern das dafür notwendige Durchstoßen von überharten Käfigmauern mit dem Kopf. Es ist nicht der Wahn, der dazu führt, dass der Schädel die Wand durchschlägt – es ist der Aufprall, der verantwortlich ist für den Wahn. 
Die wenigsten Ausbrecher leiden am Ausbruch, viel mehr leiden sie durch dessen Folgen. Wer einmal feststellt,  dass vier geschlossene Wände nicht nur tragen (das Dach), sondern auch begrenzen (den Menschen), den will man nicht mehr zwitschern hören im metallenen Käfig. (Anmerkung: Gitterstäbe gelten im Allgemeinen als schalldurchlässig.)

Man muss also mit neu gewonnener Sachlichkeit feststellen, dass Ausbrecher angehalten werden sollten, für das kommende Leid vorzusorgen. Beispielsweise, indem sie Kanarienvögel an ihrer statt einziehen lassen. Außerdem sollte man sie dringend anhalten, offenbar pubertäre, ausbruchswillige Vögel nicht gleich für wahnsinnig zu halten.

Florian · Kommentare (0) · Kategorien: Allgemein. (permalink)


 

22. Januar 2012

Mit dir


Mit dir ist nicht nur Traum

Du bist mehr als ein Traum,
weil du die folgende Punktsymmetrie
zu schätzen weißt.
Weil so vieles mit dir so ist,
wie ich es mir immer gewünscht habe.
Aber solche post-hoc-Erklärungen
sind problematisch, hübsche Geschichten,
die auch nichts sagen können
in tausend bunten Bildern.

Du bist weniger als ein Traum,
weil man so was wie dich nicht träumen kann,
und das gibt mir die Gewissheit,
dass du nicht bloß das Konzept bist
einer Theory of Mind,
ein Homunculus, der einen Homunculus beobachtet,
der einen Homunculus sieht, der auf einer
Leinwand einen Homunculus betrachtet –
Blick in die Unendlichkeit.

Mit dir ist nicht nur wirklich.

Florian · Kommentare (0) · Kategorien: Allgemein. (permalink)


 

20. Januar 2012

Vom Einfrieren


Ich befinde mich in einem fremden Raum, ich kann ihn nicht definieren. Kalter Rauch hängt darin. Es gibt einen Riß in der Tapete, er reicht quer über die verschmierte Kreidezeichnung eines EKGs. Ich kneife die Augen zusammen, erkenne an der gegenüberliegenden Wand Aufnahmen von fremdartigen Lungen, deren Bronchien aussehen wie Gehirne. Ich sehe keine Gegenstände, vielleicht gibt es hier nichts Gegenständliches. Doch ich finde ein Bett und lege mich hinein, ziehe darüber ein feuchtes Laken. Da wird mir bewußt, ich liege hier in einem Möglichkeitsraum gleichwertiger Ideen. Dies Bett ist eine Insel darin. Ich höre ein Rauschen, als wäre um mich Leben, ein Strom, der Ideen trägt und auf dieser Insel versanden läßt. Gischt näßt mich. Ich spüre, daß hier einst ein Vulkan alles Leben ausgelöscht hat. Fruchtbare Erde liegt brach. Ich stelle mir vor, Samen fallen herab oder werden angespült, doch es wächst nichts daraus. Tote Samen sind es oder schlafende. Oder bin ich es, die schläft? Ist am Ende diese Erde gar nicht fruchtbar? Wie bin ich nur hierher gekommen?

Ich erfand einst ein Du, das sprechen und besprochen werden konnte. Heute höre ich dies Rauschen, Stimmen aus dem Off. Geisterstimmen. Früher bestand die Möglichkeit, zu einem Du zu sprechen, weil das rauschende Blut evident gewesen ist, die sich hörbar schließenden Venenklappen, das Zusammenziehen des Herzmuskels. Heute spricht nichts mehr, mit dem Du ist auch das Ich verstummt, emergiert ist ein beständiges Murmeln, das aus den Tapetenrissen tröpfelt. Aus Erzählungen und Dialogen, aus Aus-, Zu- und Hilferufen ist ein warnendes Gemurmel geworden, an dem ich keinen Anfang, kein Ende erkenne. Jeder meiner Sätze ist eine Übereinkunft, ein gewichtetes Mittel von Bruchteilen des Vernommenen, fraglich, fragil, fraktal. Ich versuche bisweilen, Muster zu erkennen, zeitliche oder lautstärkliche, es gibt gewiß Wahrscheinlichkeiten, Vertrauensintervalle, doch um ein verläßliches Ergebnis zu bekommen, müßte ich zunächst wissen, ob diese Stimmen normalverteilt sind, ob es einen Trend gibt. Doch wie geht das, wenn die Stimmen nicht absolut integrierbar sind, wenn ich weder Anfang noch Ende erkenne, wenn ich einfach nur diese Stimmen höre, während ich in diesem Zimmer in diesem Bett liege? Die Stimmen sind leblose Schallwellen, transportierter Impuls, Energie, die kein Leben nährt. Calculo ergo sum. Summ, summ. Ich liege hier und ich warte auf die Melodie.

Ich stelle mir vor, daß du mich hier liegen siehst. Du sähest ein offenes System in seinen letzten Zügen, die Nässe des Lakens würdest du als Blut identifizieren, da wäre nichts, was die Macht besäße, dieses System zu erhalten. Die Energie einer fernen, vermuteten Sonne wäre vollständig absorbiert in der flirrenden Luft, und darin der Dunst allen Wassers, so daß es kein Leben gäbe, und nichts atmete. Meine Lunge sprach ohnehin zeitlebens eine andere Sprache als die übrigen Organe, die Atemfrequenz inkommensurabel zum Schlagen des Herzens. Denn meine Atmung ist willkürlich gewesen: im ewigen Zerwürfnis zwischen Körper und Geist hat sie die Partei des Selbstgefälligen ergriffen. So spielen Geist und Körper Rekursion in einer Endlosschleife. Die Abbruchbedingung ist niedergeschrieben in einer gemeinsamen Sprache, die nicht existiert. Die letzte Hoffnung besteht in der Erkenntnis, daß ich nicht weiß, was du in mir siehst. Die letzte Hoffnung besteht im Irrtum.

Sarah · Kommentare (0) · Kategorien: Prosa. (permalink)


 

17. Januar 2012

Wir eröffnen Ihnen Hintergründe.


“the medium is the massage” ist ein Graphikblog zum Angucken.

Auch zum dreisten Benutzen für Desktophintergründe, ob so vom Künstler gewünscht, wie
beim privaten sozialen Netzwerk oder von der Bücher und schöne Menschen liebenden Verfasserin skaliert und zweckentfremdet wie bei der Bibliothekarin oder Lügen, die wir mögen.

Ästhetik für den akademischen, journalistischen, bookishen, feministischen Winter oder so.

Regine · Kommentare (0) · Kategorien: Links, Zeichnung. (permalink)


 

12. Januar 2012

gib die Tropfen fort


Lena · Kommentare (0) · Kategorien: Lyrik, Musik, Straßenlyrik. (permalink)


 

11. Januar 2012

Melancholie


Melancholie ist gleich den Straßen,

die mich im Herbst mit feuchten grauen Wegen

nichterkennend weiterführen -

ist gleich den kahlen, schwarzen Bäumen,

die, ihre Äste mir entgegenstreckend,

an mit vorübergleiten,

um stumm im Nebel zu verschwinden.


Melancholie gleicht einem schwarzen Abgrund,

an dessen Rande stehend ich in die Tiefe blicke

und der Versuchung,

rasch hinunterfallend im Dunkeln zu verschwinden,

widerstehend stehenbleibe!



Gabriele Vogt, 1965

Jan · Kommentare (0) · Kategorien: Allgemein. (permalink)


 

3. Januar 2012

Rauhnächte.


Nieseliger Jänner,

in Pfützen zu springen,
hält uns im alten Jahr.

Die feisten Weihnachtsäpfel Dich übern späten Dezember,
mich die schlaflosen Tage zwischen den Jahrn.

Ich halte fest,
ich halte fest,
was längst vergangen ist.

Denn in Erinnerung liegt Dauer.
Und die ist nicht die Ewigkeit,
mein Kind.


How happy is the blameless vestal’s lot!
The world forgetting, by the world forgot.
Eternal sunshine of the spotless mind!
Each pray’r accepted, and each wish resign’d

(Alexander Pope: Eloisa to Abelord)

Regine · Kommentare (0) · Kategorien: Allgemein. (permalink)


 

31. Dezember 2011

green are all my clothes – Straßenlyrik Bremen


Lena · Kommentare (1) · Kategorien: Fotografie, Liebe, Musik, Straßenlyrik. (permalink)


 

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